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Turnsport: Calmy-Rey fordert Kulturwandel
Aus Echo der Zeit vom 07.02.2021.
abspielen. Laufzeit 03:59 Minuten.
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Missstände im Turnsport Calmy-Rey: «Kultur, die sich über Jahrzehnte etabliert hat»

Micheline Calmy-Rey, Präsidentin der Ethik-Stiftung des Weltturnverbandes, äussert sich erstmals zu den Vorfällen im Schweizer Turnsport.

Es sind schockierende Erkenntnisse, die ein externer Untersuchungsbericht letzte Woche bestätigt hat. In der Rhythmischen Gymnastik herrschten in der Schweiz in den letzten acht Jahren Zustände, die man sich kaum vorstellen kann: von schlechter gesundheitlicher Verfassung der Gymnastinnen bis zu miserabler Trainingskultur.

Massnahmen sollen dazu beitragen, dass so etwas nicht mehr vorkommt. Unter anderem gibt es neu eine Ethikkommission. Der Schweizerische Turnverband steht auch unter Beobachtung des internationalen Turnverbands, der seinen Sitz in Lausanne hat. International gibt es seit rund zwei Jahren eine Ethikstiftung. Deren Präsidentin ist alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey.

Sie sei schockiert darüber, was in der Schweiz geschehen sei, sagt Calmy-Rey, doch überrascht leider nicht. Der Turnsport habe ein grundlegendes Problem: «Es gibt eine problematische Kultur, die sich über Jahrzehnte etabliert hat», so Calmy-Rey. «Ein Art System, in dem Abhängigkeiten und das Machtgefälle sehr deutlich werden. Nicht überall, aber zu oft.»

Turnerinnen und Turner seien besonders gefährdet, psychisch unter Druck gesetzt zu werden, sagt sie. «Diese Kultur hängt meiner Einschätzung nach eher mit dem Turnsport zusammen als mit einem bestimmen Land oder einer bestimmten Region.»

Grosse Bandbreite an Fällen

Rund 50 Fälle habe die Beschwerdekommission seither behandelt – mehrere Fälle lägen nun bei der Disziplinarkommission. Diese Fälle seien sehr unterschiedlich, so Calmy-Rey. «Es gibt viele verschiedene Arten von Belästigungen und Missbrauch. Seien es körperliche Annäherungen, verbale Attacken, virtuelle Belästigungen, Vernachlässigung, Mobbing oder andere Schikanen.»

Mehr kann Micheline Calmy-Rey aufgrund der laufenden Verfahren und der Diskretion nicht sagen. Die Opfer müssten volles Vertrauen haben, nur so wagten sie den schwierigen Schritt Vorfälle der Ethikstiftung des internationalen Turnverbands überhaupt zu melden. Sie bewundere alle, die den Mut fänden, sich gegen diese Praktiken auszusprechen. Dies sei schwierig, aber sehr wichtig.

Zweiter Untersuchungsbericht in Arbeit

Als Präsidentin der Ethikstiftung des internationalen Turnverbandes ist Calmy-Rey auch als Expertin beigezogen worden beim externen Bericht, der die Vorkommnisse in der Rhythmischen Gymnastik in der Schweiz untersuchte. In einem Punkt ist sie mit dem Bericht nicht einverstanden: mit der Kritik am Regionalen Leistungszentrum in Biel. Denn dieses habe auf die Ereignisse in Magglingen hingewiesen und damit die Untersuchungen mit angestossen – und sollte somit gelobt werden.

Mehr Klarheit über die Vorkommnisse in den Leistungszentren in Biel und Magglingen bringt möglicherweise ein zweiter unabhängiger Untersuchungsbericht, den Bundesrätin Viola Amherd in Auftrag gegeben hat.

Mit ihr und den untersuchenden Anwälten steht Calmy-Rey in Kontakt, ebenso mit dem Schweizerischen Turnverband. Die Hauptverantwortung, die schädliche Trainingskultur im Turnsport zu ändern, liege bei den nationalen Verbänden, sagt Calmy-Rey. «Diese Veränderungen sind schwierig, weil es eine kulturelle Sache ist. Darum arbeiten wir eng mit den nationalen Verbänden zusammen. Wir stehen erst am Anfang, sind aber sehr entschlossen.»

Echo der Zeit, 07.02.2021, 18 Uhr;

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Werner Wüthrich  (ruishi)
    Was bezeichnet man nicht alles als Kultur, was bei ehrlicher Sprache als Missstand, Nötigung usw. beschrieben werden müsste.
  • Kommentar von Fritz Rueegsegger  (Matterhorn+234)
    Schon immer wurden Turnerinnen wie kleine Mädchen behandelt. Ich erinnere mich an den OS 1972 in München, wie gross der Unterschied zwischen 15-Jährigen Schwimmerinnen und Turnerinnen war. Die Schwimmerin Monod war ein Persönlichkeit, die hochgelobten Martschini-Girls kleine Mädchen.
  • Kommentar von Walter Matzler  (wmatz)
    Sport und sportliche Erfolge werden massiv überbewertet. In vielen Disziplinen gewinnt nicht mehr ein Schweizer Sportler sondern "die Schweiz". Wen wundert's wenn Gewinnen längst eine "Staatangelegenheit" geworden ist und Trainer wie Sportler unter gewaltigem Druck stehen. Sport aus Freude, das war einmal.
    1. Antwort von Damian Derungs  (Domino)
      Gibts immernoch, aber nur im breitensport und nicht im spitzensport. Spreche da aus eigener erfahrung. Hätte früher die gelegenheit gehabt, in ein nationles förderkader zu kommen. Hab dankend abgelehnt als sie mir gesagt haben was ich alles muss. Das macht keinen spass mehr und leben hötte ich davon auch nicht können.
    2. Antwort von Walter Matzler  (wmatz)
      Ich weiss, Herr Derungs. Ich bin selber Hobby-Sportler. Habe als Wanderer und Bergsteiger etliche Berge bestiegen, mit dem Fahrrad einige Tausend Km in Europa zurückgelegt und fahre immer noch regelmässig mit dem Bike - seit über 80 mit Elektrounterstützung. Ich habe nie verlangt, dass sich andere für meine Aktivitäten interessieren und entsprechend und es ist mir auch egal was andere machen. Verlangen, dass ich Hurrah schreie und wenn möglich noch dafür bezahle, das geht bei mir nicht.