Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Pilotprojekt in Zürich Erstmals können Blinde und Sehbeeinträchtige selbst abstimmen

Janka Reimmann ist blind und kann nun zum ersten Mal selbstständig abstimmen. Trotzdem gibt es noch Grenzen.

Janka Reimmann reisst ein Couvert auf und greift nach den Zetteln darin. Sie sucht einen ganz Bestimmten. Nämlich denjenigen, bei dem die obere, linke Ecke abgeschnitten ist. Sie findet ihn und steckt ihn in eine Schablone. Ihre Finger gleiten sanft über kleine Kuppen, die sich darauf befinden.

Seit ihrem achten Lebensjahr ist Janka Reimmann sehbehindert und mittlerweile fast komplett erblindet. Jetzt aber stimmt sie gerade ab – selbstständig, ohne fremde Hilfe.

Frau hält Plakat in Küche mit Schränken und Rose.
Legende: Janka Reimmann kann dank einer neuartigen Schablone zum ersten Mal ohne fremde Hilfe abstimmen. SRF/Dominik Steiner

Für die Volksabstimmung Ende November 2025 kommt im Kanton Zürich zum ersten Mal überhaupt eine Abstimmungsschablone zum Einsatz. Diese kann für nationale Vorlagen verwendet werden und hat – wie auch der Stimmzettel – keine linke, obere Ecke. Die Schablone ist mit Druck- und Brailleschrift versehen. Mit ihr können blinde und sehbehinderte Menschen den Stimmzettel alleine ausfüllen.

Nicht immer auf Hilfe angewiesen zu sein, ist ein grosser Gewinn.
Autor: Janka Reimmann

Für Janka Reimmann ist das Zürcher Pilotprojekt ein Meilenstein. Bislang war die 51-Jährige stets auf die Hilfe ihres Partners angewiesen. Was auch bedeutet, dass das Stimmgeheimnis nicht gewahrt war. Das ist nun anders: «Es ist schön zu merken», sagt sie, «dass ich das jetzt alleine machen kann».

Ein Schritt mehr zur Inklusion blinder Menschen

In der Schweiz leben rund 350'000 Menschen mit einer Sehbehinderung, 50'000 davon sind blind. Dass es nun eine Lösung gibt, wie auch sie geheim und ohne Hilfe ihre demokratischen Rechte wahrnehmen kann, ist für Janka Reimmann ein wichtiger Schritt in Sachen Inklusion.

«Selbst etwas machen zu können und nicht immer auf Hilfe angewiesen zu sein, ist ein grosser Gewinn für uns», sagt Reimmann.

Allerdings: Das Pilotprojekt weist noch Hürden auf. So kann Janka Reimmann die Schablone bislang ausschliesslich für die eidgenössischen Vorlagen nutzen. Für kantonale und kommunale Vorlagen funktioniert sie noch nicht, weil die Abstimmungszettel noch nicht die richtige Grösse haben.

Probleme stellen sich auch bei Wahlen. Für die vielen Listen, für das Panaschieren und Kumulieren, ist bislang noch keine Lösung in Sicht.

Schwarze Abstimmungskarte mit Braille-Schrift auf Holztisch.
Legende: So sieht die Abstimmungsschablone für blinde Menschen aus. SRF/Dominik Steiner

Jonas Pauchard vom Schweizerischen Zentralverein für das Blindenwesen sagt deshalb: «Ich kann mir gut vorstellen, dass die grossen Hürden, die es noch gibt, dazu führen, dass sich blinde oder sehbehinderte Menschen weniger am politischen Prozess beteiligen.»

Zürich testet vor schweizweiter Einführung

Deshalb ist für ihn klar, dass es weitere Schritte braucht, um Menschen mit Sehbehinderungen in den politischen Prozess zu integrieren. Eine Aufgabe, der sich auch der Bund angenommen hat.

Die Bundeskanzlei will nun aber erst mal abwarten, wie sich die Schablone im Testkanton Zürich bewährt. Die schweizweite Einführung soll dann im nächsten Herbst angegangen werden.

Tagesschau, 22.11.2025, 19:30 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel