Warum starben so viele junge Menschen in der Silvesternacht in Crans-Montana? Einer der Faktoren dürfte sein, dass sich die Gäste in der Bar «Le Constellation» nicht schnell genug nach draussen haben retten können.
Eine Simulation von Brandschutzexperten der Firma BIQS, die SRF exklusiv vorliegt, zeigt nun, dass im wahrscheinlichsten Szenario auf Basis der aktuellsten Medienberichte und dem 3D-Modell von SRF die Gäste in der Bar fast sieben Minuten gebraucht haben, um den Weg nach draussen zu finden. Zudem wird in zwei weiteren Szenarien deutlich, wie problematisch es war, dass wohl im Untergeschoss ein Fluchtweg versperrt gewesen sein dürfte. Die drei Szenarien im Überblick:
Szenario 1 – ein Fluchtweg
Dieses Szenario ist gemäss den aktuellsten Medienberichten das wahrscheinlichste. Darin hätten sich 150 Personen im Erdgeschoss und 150 weitere im Untergeschoss befunden. In diesem Szenario gab es nur einen Fluchtweg über die Treppe zum Hauptausgang, als der Schaumstoff an der Decke im Untergeschoss Feuer fing.
Die Ermittlungsakten enthalten mehrere Aussagen von Gästen, die im Untergeschoss keine Notausgänge wahrgenommen hätten. Die Computersimulation zeigt: In diesem Szenario hätte eine Flucht 410 Sekunden oder fast sieben Minuten gedauert (siehe Sekundenanzeige im Video unten rechts).
Augenzeugenvideos auf den Sozialen Medien aus der Katastrophennacht zeigen, dass die Evakuierung nicht sofort eingeleitet worden war. Brandexperte und BIQS-Geschäftsführer Florent Lushta geht davon aus, dass es bis zu einer Minute gedauert hat, bis die Menschen in der Bar zu flüchten begannen.
Es würde uns nicht wundern, wenn im Zuge der weiteren Untersuchungen festgestellt wird, dass viele Personen Knochenbrüche erlitten haben.
Den grössten Stau habe es diesem Szenario zufolge bei der Treppe im Untergeschoss gegeben, erklärt Lushta. Die Leute in Todesangst dürften dort zwischen 70 und 90 Sekunden gewartet haben müssen und kein bisschen vorwärtsgekommen sein. «Es würde uns nicht wundern, wenn im Zuge der weiteren Untersuchungen festgestellt wird, dass viele Personen Knochenbrüche erlitten haben», sagt Lushta.
Szenario 2 – zwei Fluchtwege
Auch möglich, aber weniger wahrscheinlich, ist, dass es in der Katastrophennacht 300 Gäste und im Untergeschoss einen weiteren, offenen Fluchtweg gegeben haben soll. In diesem Szenario wären alle Personen nach 235 Sekunden – also in knapp unter 4 Minuten und somit 3 Minuten schneller als in Szenario 1 – dem Feuer entkommen.
Die Personenansammlungen vor den Fluchtwegen hätten sich halbiert, sagt Lushta. «Das sorgt für weniger Panik, weniger Personendichte, weniger Druckverhältnisse in diesen Staus.»
Szenario 3 – drei Fluchtwege
Dieses Szenario beinhaltet: 300 Gäste, je 150 davon im Erd- und Untergeschoss, wobei es zwei Fluchtwege im EG (Hauptausgang und Seitentüre) und einen im UG gegeben hätte.
Hätten die Fluchtwege der Bar gemäss der Brandschutz-Firma «fast vorschriftsgemäss» funktioniert, so hätten die Gäste innert 140 Sekunden – also 2 Minuten und 20 Sekunden den Weg nach draussen gefunden. Das sind 4 Minuten und 30 Sekunden weniger lang als im Szenario 1.
«Die Untersuchung zeigt eindeutig die Abhängigkeit zwischen Personenbelegung und Anzahl der zur Verfügung stehenden Fluchtwege», sagt Brandschutzexperte Florent Lushta. Wäre ein weiterer Fluchtweg vorhanden gewesen, hätten wohl mehr Leben gerettet werden können.