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Ökonom David Dorn von der Universität Zürich: «Die Gesellschaft muss sich um betroffene Branchen kümmern.»
Aus Regionaljournal Zürich Schaffhausen vom 02.11.2020.
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Taskforce-Mitglied David Dorn: «Bringen Situation nicht in zwei Wochen ins Lot»

Für Ökonom und Taskforce-Mitglied David Dorn sind Kurz-Shutdowns keine Lösung, um Unternehmen aus der Krise zu holen.

Im Oktober hat sich die Corona-Situation in der Schweiz massiv verschärft. Jede Woche wurde eine Verdoppelung der Neuinfektionen registriert. Auf diese Entwicklung hat der Bundesrat vergangene Woche mit einem Massnahmenpaket reagiert.

Der Zürcher Ökonom David Dorn ist Professor an der Universität Zürich und Mitglied der nationalen Covid-Taskforce des Bundes. Er äussert er sich zur finanziellen Unterstützung betroffener Branchen und zur Abhängigkeit der Wirtschaft vom Schweizer Gesundheitssystem.

David Dorn

David Dorn

Professor für Globalisierung und Arbeitsmärkte an der Universität Zürich

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David Dorn ist UBS-Professor für Globalisierung und Arbeitsmärkte an der Universität Zürich. Er leitet den universitären Forschungsschwerpunkt zum Thema Chancengleichheit. Ausserdem ist er Mitglied der Swiss National Covid-19 Science Task Force des Bundes.

Seine Forschung verbindet die Bereiche Arbeitsmarktökonomie, internationalen Handel, Wirtschaftsgeographie, Politische Ökonomie und Makroökonomie. Er untersucht insbesondere den Einfluss von Globalisierung und technologischem Wandel auf Arbeitsmärkte und Gesellschaft. Seine Publikationen zählen zu den weltweit meistzitierten ökonomischen Forschungsarbeiten der letzten zehn Jahre.

David Dorn war zuvor ausserordentlicher Professor am Center for Monetary and Financial Studies (CEMFI) in Madrid, sowie Gastforscher an der Harvard University, Boston University, University of Chicago, und dem Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er promovierte an der Universität St. Gallen im Jahr 2009.

SRF News: Hat die Schweiz die Lage noch im Griff?

David Dorn: Der Bundesrat hat ein Massnahmenpaket umgesetzt, das von der wissenschaftlichen Taskforce schon vor einiger Zeit so vorgeschlagen wurde. Ich glaube, die Massnahmen sind in der momentanen Situation sinnvoll, sie hätten vielleicht früher implementiert werden können. Einzelne Kantone haben ja bereits zusätzlich strengere Massnahmen ergriffen.

Die Massnahmen, die der Bund in der Schweiz getroffen hat, sind Minimum-Massnahmen.
Autor: David DornProfessor Universität Zürich

Und trotzdem: In vielen Ländern Europas steht das Leben seit dem Wochenende beinahe still. In der Schweiz ist immer noch vieles möglich. Ist das nun vernünftig oder fahrlässig?

Die Massnahmen des Bundes sind Minimum-Massnahmen. Und die Tatsache, dass andere Länder, die geringere Fallzahlen aufweisen, stärkere Massnahmen ergriffen haben, zeigt die Richtung auf, in die es auch in der Schweiz noch gehen könnte – falls sich der Zuwachs der Fallzahlen in den nächsten Tagen nicht verlangsamt.

Sie haben zusammen mit ihren Wirtschafts-Kollegen an der Universität Zürich während des Shutdowns ein zwölfseitiges Positionspapier verfasst. Einer der ersten Sätze darin ist: «Der Shutdown ist richtig, um eine exponentielle Verbreitung des Virus zu verhindern.» Jetzt sind wir in der zweiten Welle mit noch höheren Fallzahlen. Folgerichtig müsste man doch nun sagen: zweite Welle, zweiter Shutdown.

Auf alle Fälle sollte man verhindern, dass es zu einer massiven Überbelastung des Gesundheitswesens kommt. Das könnte aber bereits diesen Monat passieren. Die Situation, in der Kranke in den Spitälern nicht mehr angemessen betreut werden können, ist nicht nur ein gesundheitliches, sondern auch ein wirtschaftliches Desaster. Wenn die Leute sehen, dass das Virus ausser Kontrolle ist, entsteht eine grosse Verunsicherung bei Konsumenten und Investitionsentscheiden. Deswegen ist es wichtig, die Verbreitung des Virus zu bremsen. Im Frühling, als noch wenig über das Virus bekannt war, wurden dafür starke Lockdown-Massnahmen angewendet.

Und wäre das jetzt wieder der richtige Weg?

Man hat dazugelernt, man weiss gerade bei den Übertragungswegen mehr. Mit dem aktuellen Massnahmenpaket werden wichtige Schritte unternommen, um die sogenannten Mass-Spreader-Events zu limitieren – beispielsweise mit der Schliessung von Tanzclubs.

Die Frage, ob es einen weiteren Shutdown braucht, haben Sie nicht beantwortet. Die Welthandelsorganisation vertritt hier den Standpunkt: Lieber einmal kurz und intensiv schliessen als lang und perspektivlos.

Ich glaube, das ist ein Trugschluss. Wir haben im Frühling gesehen, dass wir mit einem stärkeren Lockdown relativ schnell die Ansteckungszahlen senken konnten. Aber dann hat man über den Sommer die gute Situation aus den Händen gegeben. Darum ist es falsch zu denken, dass wir die Situation innert zwei Wochen wieder ins Lot bringen können.

Video
Aus dem Archiv: David Dorn im Wirtschafts-Magazin Eco
Aus ECO vom 06.04.2020.
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Zurück zum angesprochenen Positionspapier. Darin haben Sie nicht nur den Shutdown gefordert, sondern auch empfohlen, dass der Staat die Wirtschaft mit Geldern unterstützt. Muss er das heute auch noch tun?

Bei den Unternehmen ist es so, dass einzelne Branchen den ganzen Winter hindurch geschlossen werden, etwa Tanzclubs oder Veranstalter von grossen kulturellen Events. Dort stellt sich nun schon die Frage, ob nicht aus Gründen der Gerechtigkeit diejenigen Branchen, die zum Wohl der Gesellschaft auf ihre Tätigkeiten verzichten, entschädigt werden sollten.

Wenn man gewissen Branchen verbietet, aktiv zu sein, dann hat die Gesellschaft auch eine gewisse Verantwortung, sich entsprechend um diese Leute zu kümmern.
Autor: David DornProfessor Universität Zürich

Auf der anderen Seite gibt es auch die Aussage von Finanzminister Ueli Maurer: «Wir haben nicht noch einmal 30 Milliarden Franken.» Da fragt man sich: Ist es Aufgabe des Staates, Firmen, die vielleicht schon vor Corona in Schwierigkeiten waren, mit Steuergeldern zu unterstützen?

Niemand hat gefordert, dass man alle Unternehmen am Leben hält. Klar ist aber: Wenn man Branchen verbietet, aktiv zu sein, dann hat die Gesellschaft auch eine Verantwortung, sich um diese Leute zu kümmern. Diese Branchen erbringen ein Opfer für die Gesellschaft. Und die Gesellschaft sollte bereit sein, dies auch abzugelten.

Das ganze Interview finden Sie als Audio in diesem Artikel.

Das Gespräch führte Hans-Peter Künzi.

SRF 1, Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 1.11.2020; 17.30 Uhr;

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54 Kommentare

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  • Kommentar von Jacqueline Elmer  (jacq)
    Wenn die Zahlen nicht gebremst werden, wird das einen „künstlichen“, bzw. verzögerten Shutdown/Lockdown erzeugen und zugleich wird das Gesundheitssystem kollabieren. Die Menschen würden dann automatisch mehr zuhause bleiben oder ein zu später Shutdown angeordnet. Kaum ein Restaurant würde mehr besucht werden wollen, etc. . Es wird hoch gepokert.
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  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    Wenn Sie erlauben, hier zum Video zur SRF-Coronaberichterstattung: Sie berichten vom Ansturm auf das Spital Freiburg, wie schon aus Schwyz. Die Auslastung schweizweit ist weniger hoch als auf dem Peak im Frühling. Habe ich etwas verpasst, oder wurden damals keine Hilferufe demnächst überlaufener Spitäler veröffentlicht? Mit einer Verschiebung von Patienten und der Notwendigkeit des Ausbaus ist zu rechnen. Die Auslastung der ICU beim Peak in Schweden lag bei über 60% Covid19-Fällen...
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    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Marc Schlatter Grüezi. Es geht beim Hilferuf von Spital Freiburg nicht um Intensivbetten. Es sind normale Akutbetten, die knapp werden. Es sind derzeit bereits mehr Patienten wegen Covid-19 hospitalisiert als auf dem Höhepunkt der ersten Welle. Die Kurve sehen sie hier: https://www.srf.ch/news/schweiz/coronavirus-so-entwickeln-sich-die-corona-zahlen-in-der-schweiz
      Beste Grüsse, SRF News
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    2. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Jener Arzt aus Freiburg warnt - so die Schlagzeile - vor einer ,Gesundheitskatastrophe'. Mein erster Gedanke: Patienten, die jetzt auf den normalen Stationen sind, können innert kurzer Zeit in einen Zustand geraten, wo eine Verlagerung zur Intensivbehandlung nötig wird. Als notorischer Zweifler fragt man sich umgehend: Wie ist der Zustand dieser Patienten im Akutbereich? Noch viel entscheidender: Wie viele der neu Angesteckten landen in zwei Wochen auf der ICU - Gründe, Trends zu antizipieren!
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    3. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Kurz: Wir haben Herbst und sind uns wohl die meisten einig, es mit einer ernstzunehmenden Erkrankung zu tun zu haben. Bei der grossen Frage, weshalb man sich derart vor einer Überlastung der Spitäler fürchtet, habe ich jetzt zum ersten Mal ein spezifisches Argument gelesen: Die Anzahl Patienten im Akutbereich sei jetzt schon höher als im Frühling. Sie können sich vorstellen, wie schwer das für den nicht in Distributionsprozesse eingeweihten Leser einzuordnen ist. Steuerung oder Information?
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    4. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Ok, danke! Ich sehe einfach nicht, weshalb die Überlastung unserer Spitäler schweizweit drohen soll. Damit ich das als nicht in Distributionsprozesse eingeweihter Leser beurteilen könnte, bräuchte ich genauere Informationen. Auch Mediziner können aufgrund von Modellrechnungen überreagieren, die Gefahr hatten wir auch von Anfang an.
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  • Kommentar von Daniel Bucher  (DE)
    Hört endlich auf, alle Einwohner für die Ausbreitung verantwortlich zu machen. Der Staat hat versagt, es wurde zu wenig getestet bzw. es waren nicht einmal genügend Tests vorhanden und sind es heute immer noch nicht. Im Frühjahr hatten die Warner vom BAG nicht einmal Masken im Vorrat, dann haben sie Masken beschafft nur waren diese nicht zertifiziert.
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    1. Antwort von Krebs Alfred  (A.Santiago)
      @DE. Man kann auch alle Schuld dem Staat zuordnen, das ist sicher das Einfachste für alle. Erstens: wenn man sich an Orte begibt, wo man sich anstecken kann ist sicher nicht der Staat schuld. Zweitens: wenn die Spitäler früher als es Corona noch nicht gab, das Personal mit der Begründung aufstockte, es könnte einmal eine Pandemie geben,hätten alle aufgeschrien. Das kostet etwas und jemand hätte dies ja bezahlen müssen.
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    2. Antwort von Hans Meuri  (hmeuri)
      Herr Bucher, der Staat sind wir alle zusammen.
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