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«Diese komplexen Interaktionen können wir im Labor nicht prüfen»
Aus Echo der Zeit vom 24.10.2019.
abspielen. Laufzeit 04:10 Minuten.
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Zulassung von Pestiziden Verfahren werden verbessert – aber nur langsam

Zu intransparent und zu realitätsfern: Die Zulassung der umstrittenen Pflanzenschutzmittel sorgt für Unverständnis.

Wann werden Pestizide zugelassen? Wenn sie ein Zulassungsverfahren erfolgreich überstehen. Diese Verfahren aber haben Schwächen: Sie sind intransparent, wissenschaftlich nicht up-to-date und beinhalten Interessenskonflikte.

Sie könnten einiges verbessern, gibt Olivier Félix, Leiter der Sektion Pflanzenschutz beim Bundesamt für Landwirtschaft, zu. Vor allem einen Vorwurf könne er nachvollziehen. «Das Verfahren der Pestizidzulassung ist intransparent und schwer nachzuvollziehen.» Seiner Meinung nach müssten die Behörden vor allem besser erklären und kommunizieren, wie eine Pestizidzulassung abläuft.

Bessere Kommunikation gefordert

Das BLW arbeitet mit Studien und Daten, die die agrochemischen Firmen einreichen. Die Arbeit der Zulassungsbehörden besteht unter anderem darin, dass sie abwägen – Studien zur Giftigkeit eines Pestizides versus Daten zu seiner Wirksamkeit gegenüber einer Pflanzenkrankheit oder einem Schädling.

Diese Abwägungen müssten tatsächlich besser kommuniziert werden, sonst liegt der Verdacht nahe, eine Bewilligung sei zugunsten der Industrie erteilt worden. Das forderte vor zwei Jahren das Parlament. Aktuell wird das Zulassungsprozedere darum evaluiert.

Landwirtschaftsmaschine spritzt Pestizide.
Legende: Wie soll künftig getestet werden, welche Pestizide eingesetzt werden dürfen? Keystone

Überprüft wird dabei, ob die Gesetze ausreichend eingehalten werden und ob sich erteilte Bewilligungen nachvollziehen lassen. Die Resultate dieser Evaluation sollen Ende dieses Jahres vorliegen.

Daneben gibt es in der Pestizidzulassung aber auch wissenschaftliche Schwächen, so Urs Niggli. «Eine ist zum Beispiel, dass man Einzelsubstanzen prüft. In der Regel hat man aber mehrere Substanzen, die gleichzeitig gespritzt werden.»

Niggli war früher selber in der Pestizidzulassung tätig und leitet heute das Forschungsinstitut für biologischen Landbau, das die Pestizide für den Biolandbau prüft. Auch Bio kommt nicht ganz ohne Pestizide aus. Oft wird nicht nur ein einzelnes, sondern mehrere Pestizide gespritzt. Wie diese zusammenwirken, wird nicht untersucht.

Natur- vs. Laborversuche

Auch werden Pestizide nur an einigen wenigen Test-Organismen überprüft. Ein Szenario weit weg von der Realität: «In der Natur gibt es viele verschiedene Interaktionen zwischen verschiedenen Insekten und Lebewesen. Diese komplexen Interaktionen können wir im Labor nicht prüfen.» Da müsste man ausgedehnte Feldversuche machen, die seien aber sehr teuer, so Niggli.

Die Studien zur Giftigkeit eines Pestizids oder dazu, wie es sich in der Umwelt verhält, machen die agrochemischen Firmen selber oder geben sie in Auftrag. Offensichtlich ein Interessenskonflikt. Ja, sagt Anna Bozzi vom Fachverband Scienceindustries, aber: «Es wird von den Behörden festgelegt, mit welchen Studien, Daten und Methoden erhoben werden muss. Für die Firmen gibt es sehr wenig Spielraum.»

Menschen mit Plakaten.
Legende: Die Kritik an Pestiziden ist gross. Hier Vertreter der Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide». Keystone

Dieser Spielraum steht seit 2018 unter genauer Beobachtung. Damals entschied das Bundesgericht, dass auch bei Pestizidzulassungen das Verbandsbeschwerderecht für Umweltorganisationen zulässig sein kann. Ein Schritt Richtung mehr Transparenz?

«Umweltverbände mit dabei zu haben bedeutet zum einen mehr Arbeit, aber hoffentlich auch ein Schritt Richtung mehr Transparenz», sagt Félix. Im Moment scheint es also, als ob die stetige und teils heftige Kritik am Umgang mit Pestiziden zumindest bei der Zulassung einiges in Bewegung gesetzt hat.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Arnold Vass  (Captain Planet)
    Hier noch ein kleiner Denkanstoss:
    PSM werden innert kürzester Zeit, aufgrund fragwürdiger Studien, ohne Abklärung der Langzeitwirkung, zugelassen und die Gesundheit von Mensch und Natur wird bereitwillig gefährdet.
    Dem Gegenüber stehen Medikamente, vorallem in der Krebsforschung, die einen langwierigen Prozess Durchlaufen müssen, welcher über mehrere Jahre dauern kann, gefolgt von Langzeitstudien an Mensch und Tier.
    Man merke, mit gesunden Menschen ist einfach weniger Geld zu verdienen.
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  • Kommentar von Barbara Mujagic  (bdm)
    Also kurz zusammengefasst: Studien und Daten für die Zulassung von Pestiziden werden unter Laborbedingungen vom Hersteller persönlich erhoben, bzw. in Auftrag gegeben. Die Feldversuche finden nach der Zulassung statt und dokumentieren sich ganz transparent unter dem Begriff Insektensterben.
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  • Kommentar von Tom Duran  (Tom Duran)
    Auch hier, die Schweiz muss auf biegen und brechen ihr eigenes (teures) Süppchen kochen. Dabei sind die Regeln in Europa schon klar: weniger Gift als in der Schweiz erlaubt.
    Warum übernehmen wir das nicht einfach? Ach so: dann verdienen die Multis ja weniger. Und somit auch einige Parlamentarier die alles anderer als Volksnah und frei regieren!
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