Sebastian Ramspeck, internationaler Korrespondent bei SRF, hat die Fragen der Community zur aktuellen Politik der Grossmächte beantwortet.
Europas Rolle auf der Weltbühne
Europa steht aus der Sicht der Community vor einer doppelten Herausforderung: Bedeutungsverlust und fehlende Geschlossenheit. Sebastian Ramspeck beschreibt die Lage so: «Technologisch und wirtschaftlich ist Europa im Vergleich zu den USA und China in den vergangenen Jahren deutlich ins Hintertreffen geraten.» Auch diplomatisch und militärisch seien die europäischen Staaten im Vergleich zu den Grossmächten schwach. Deshalb sei es wahrscheinlich, dass Europa weiter an Bedeutung verliere.
Ein Grund für die fehlende Einheit liege in der Struktur der EU. «Die USA sind ein Staat mit Machtkonzentration: An der Spitze steht der Präsident, kontrolliert von Parlament und Justiz usw. Die EU ist nur ein Staatenverbund mit 27 Mitgliedern ohne Machtkonzentration», erklärt Ramspeck. In aussen- und sicherheitspolitischen Fragen könne die EU nur einstimmig Beschlüsse fassen. «Und das ist oft nicht möglich, weil sich zum Beispiel die Haltungen Estlands und Ungarns unterscheiden.»
Direkter Konflikt zwischen Nato und Russland?
Ein bewaffneter Konflikt zwischen der Nato und Russland sei nicht ausgeschlossen, sagt Sebastian Ramspeck. «Ich halte es für möglich, dass Russland versuchen könnte, den Zusammenhalt der Nato auf die Probe zu stellen, indem es zum Beispiel eine begrenzte Militäraktion gegen einen Nato-Staat im Baltikum startet.» Es sei nicht sicher, ob die USA in einem solchen Fall militärisch eingreifen würden. Die Nato könnte dadurch in eine existenzielle Krise geraten – ein Szenario, das Russland nutzen würde. Einen direkten Konflikt mit China hält Ramspeck hingegen für «extrem unwahrscheinlich».
Trump und militärische Drohungen
Donald Trump sorgt mit Drohungen in alle Richtungen für Unsicherheit – von Kolumbien über Grönland bis zum Iran. Welche davon könnten Realität werden? «Militärschläge gegen Kuba und Iran halte ich für wahrscheinlicher als Militärschläge gegen Grönland und Kolumbien», sagt Sebastian Ramspeck. In diesen Fällen werde man eher mit politischem Druck arbeiten, um Ziele zu erreichen.
Grönland sei schon jetzt (über Dänemark) Teil der Nato, die USA hätten bereits Truppen in Grönland – «sie dürfen in Grönland militärisch operieren», so Ramspeck. Mit einer Invasion würden die USA «noch mehr Sympathien verspielen», gerade in Europa. «Aber mein Eindruck ist, dass Trump Sympathien nicht wichtig sind, solange die USA militärisch und wirtschaftlich mächtig sind und den Takt vorgeben können.»
China und Taiwan: Wie realistisch ist ein grosser Krieg?
Was passiert, wenn China Taiwan angreift? Ramspeck sagt klar: «Wenn die USA Taiwan fallen lassen, werden die anderen Staaten Taiwan auch nicht militärisch zu Hilfe eilen.»
China sei als Atommacht für umliegende Länder wie Japan schlicht zu stark. Die Nato würde nicht eingreifen – «sie kommt nur ins Spiel, wenn ein Nato-Staat angegriffen wird oder ein UNO-Mandat vorliegt».
Die Rolle der Schweiz
«Wie gross sind die geopolitischen Überlebenschancen der Schweiz im Alleingang?», lautet eine Frage der Community. Ramspeck sieht die Existenz der Schweiz nicht bedroht. «Aber es wird sicher in Zukunft heftigere Diskussionen geben, ob man Waffen in den USA kaufen will oder lieber in anderen Staaten.»