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Tourismus: Der Tropf, an dem so vieles hängt
Aus Rendez-vous vom 17.08.2020.
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Coronakrise Kollabiert die Weltwirtschaft ohne Massentourismus?

700 Millionen Reisende und 320 Millionen Arbeitsplätze: Das Coronavirus hat laut Experten ein vitales Netz infiziert.

Als Ökonom und Währungsexperte verfolgt Ulf Lindahl Geldflüsse rund um die Welt seit 40 Jahren. Er berät grosse Anleger wie Pensionskassen und reist viel. Noch letztes Jahr schaute er in Rom den Heerscharen von Menschen zu, die vor dem Peterdom während Stunden Schlange standen. Und er dachte an die Zeit vor 15 Jahren zurück, als man einfach hereinspazieren konnte.

Was, wenn sie plötzlich nicht mehr kommen?

Das war vor Covid19. Kurz darauf schlug Corona zu. Und Lindahl begann zu rechnen: 700 Millionen Touristen reisen pro Jahr in der Welt herum, 320 Millionen Arbeitsplätze hängen laut dem World Travel & Tourism Council an der Reiserei.

«Der Massentourismus, das sind nicht nur Touristen in Hotels, das ist ein ganzes Wirtschaftssystem», betont Lindahl: Es beginnt mit den Flugzeugbauern und ihren riesigen Wertschöpfungsketten. Die Flughäfen und ihre Zulieferketten. Die Transportmittel, die Touristen in Hotels bringen.

Tourismus in der Schweiz: Zahlreiche Wertschöpfungslinien hängen davon ab.
Legende: Tourismus in der Schweiz: Zahlreiche Wertschöpfungslinien hängen davon ab. Keystone/Archiv

Dazu kommen die Gastronomie und ihre Lieferketten. Aber auch die Museen und Geschäfte, bis hin zu den Strassenmusikanten und Bettlern: «Alle sind in einem riesigen Netz miteinander verwoben und alle leben vom gleichen Geldfluss, der von den Touristen kommt», so Lindahl.

Alle sind in einem riesigen Netz miteinander verwoben, und alle leben vom gleichen Geldfluss.
Autor: Ulf LindahlÖkonom

Es sei wie bei Moskitos, die vom selben Blut saugten. Mit den Reiseverboten und Restriktionen sei die Blutbahn infiziert worden, sagt Lindahl. Und deshalb würden die Verluste massiv sein für alle, die etwas verkauften: «Den Pizzaverkäufern in New York City fehlen 56 Millionen Besucher. Das reist sogar bei der U-Bahn ein Loch.»

Ein Beispiel: Lantal und Zulieferer Cilander

Wie massiv Wertschöpfungsketten rund um den Globus beschädigt werden, sei an einem Schweizer Beispiel illustriert: Weil kaum mehr geflogen wird, ist dem Flugzeugausrüster Lantal in Langenthal fast 80 Prozent des Umsatzes weggebrochen. Lantal muss ein Drittel der Arbeitsplätze abbauen.

«Wenn die Flugzeuge weltweit mehrheitlich am Boden stehen, brauchen sie keine neuen Teppiche, Sitzbezüge oder Vorhänge», sagt Lantal-CEO Urs Rickenbacher. Das wirkt sich auch umgehend auf die Ostschweizer Textilfirma Cilander aus, die Lantal die Textilien liefert.

Tourismus trägt global elf Prozent bei

Den Textilveredler Cilander treffe der Kollaps im Tourismus gleich doppelt, sagt Chef Burghard Schneider: «Durch den Tourismus werden gerade in der Schweiz sehr viel hochwertige Waren in Form von Kleidungen, Taschen und Accessoires abgesetzt.»

Schneider gibt deshalb dem Ökonomen Lindahl recht: Es sei falsch, nur an Hotels und Restaurants zu denken: «Es geht um die komplette erzeugende Industrie, die vom Tourismus profitiert. Das gilt ganz besonders in der Schweiz.»

Es geht um die komplette erzeugende Industrie, die vom Tourismus profitiert. Das gilt ganz besonders in der Schweiz.»
Autor: Burghard SchneiderChef Textilfirma Cilander
Bild aus besseren Zeiten: Touristen einer 4000 Personen grossen chinesischen Reisegruppe einer Kosmetikfirma treffen auf dem Inseli in Luzern ein.
Legende: Bild aus besseren Zeiten: Touristen einer 4000 Personen grossen chinesischen Reisegruppe einer Kosmetikfirma treffen auf dem Inseli in Luzern ein. Keystone/Archiv

Gut elf Prozent der globalen Wirtschaftsleistung hängen heute am Tourismus. Je nach Land kann es viel mehr sein: In Spanien und Italien sind es 15 Prozent, in Kroatien 20 Prozent. Regionen wie Hawaii, die Karibik, Bermuda, Kuba oder auch die Malediven leben fast nur vom Tourismus.

Harvard-Ökonomin: «Pandemie-Depression»

Die Ökonomin Carmen Reinhart von der Universität Harvard spricht denn auch nicht von Rezession, sondern von «Pandemie-Depression», in der sich die Welt befinde. Die Harvard-Professorin rechnet mit einer massiven Wirtschaftskrise, gefolgt von einer Finanzkrise, Firmen- und Länderpleiten. Die Globalisierung habe ein abruptes Ende gefunden, glaubt Reinhart und prophezeit einen massiven Anstieg der Armut.

Rendez-vous, 18.08.2020, 12:30 Uhr

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72 Kommentare

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  • Kommentar von Andrea Esslinger  (weiterdenken)
    Was ein weiteres Mal bestätigt, was ich seit Monaten schreibe und sage: die Folgeschäden und Toten der Lockdown- und Restriktionspolitik werden die Zahl der Corona-Toten und -geschädigten (auch ohne Massnahmen) bei weitem übersteigen. Da haben wir den Teufel nicht mit einem, nein mit etwa drei Belzebuben ausgetrieben.
  • Kommentar von Walter Foletti  (Walter Foletti)
    Wie hiess es schon wieder?
    Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen.
    Reisen war schon seit jeher ein Bedürfnis der Menschheit. Früher was das ein Privileg der „Gutbetuchten“, heute kann man auch mit kleineren Budgets reisen.
    Viele reisen um den „Horizont“ zu erweitern, andere aus geschäftlichen Gründen und andere Ferien-halber.
    Andere wiederum haben kein Bedürfnis zum Reisen.
    Fazit: Die Menschheit wird immer reisen, die Art und Weise wird sich vielleicht ändern.
    1. Antwort von rene merlo  (1802)
      Ihrem Fazit stimme ich gerne zu. Ebenso Ihrer Weitsicht über die Art und Weise, der vielleicht letzten Reise. Diese hiesse dann wohl eher Flucht...
  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Da zeigt sich, was gewisse Ökonomen schon lange erwähnen, dass das ewige Wachstum keine gute Zukunftsstrategie ist. BR KKSS im gestrigen ECO-Interview hat auch gesagt: Ja, doch, der BIP/Kopf wäre schon gut gewachsen, nur die Finanz- und Frankenkrise kamen dazwischen. Also dann doch nicht. Und solche Krisen sind ja zyklisch, Frau BR KKS und andere Bundesräte. Also man muss mit ihnen doch irgendwie rechnen und bestenfalls andere Strategien einleiten.
    1. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      Schöne Erkenntnis mit dem Wachstum - die Konsequenz darauf ist aber der Verzicht auf eigenen Wohlstand - richtig, eigenen Wohlstand, nicht derjenige des anderen. Da hört dann das Verständnis schnell auf, weil sparen, weniger fliegen usw. sollen ja immer nur die anderen!
    2. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Sie meinen für den Fall, dass ein Vulkanausbruch die Sonne einige Jahre verdunkelt, oder eine Pandemie über uns kommt, dass keine Regierungsinterventionen für das Elend nötig sind?