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London bleibt vorderhand Europas wichtigster Finanzplatz
Aus SRF 4 News aktuell vom 04.01.2021.
abspielen. Laufzeit 04:52 Minuten.
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Keine Regelung mit EU Wie geht es weiter mit dem Finanzmarkt London?

Das in letzter Minute zwischen Grossbritannien und der EU ausgehandelte Post-Brexit-Abkommen hat zwar mehr als 2000 Seiten, doch es regelt nur den Handel. Dienstleistungen – und dazu gehört der Finanzmarkt London – sind darin kein Thema. Trotzdem rechnet der Bankenökonom Holger Schmieding nicht mit grösseren Störungen im Finanzdienstleistungsverkehr.

Holger Schmieding

Holger Schmieding

Chefökonom der Berenberg Bank

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Schmieding war Chefökonom Europa bei verschiedenen Banken. Seit 2010 arbeitet er für die deutsche Bank Berenberg. Sein Arbeitsort ist London.

SRF News: Was bedeutete es für die Banken, wenn heute der Handel beginnt und so vieles nicht reguliert ist?

Holger Schmieding: Auf dem Papier ändert sich sehr viel – so gibt es von London aus keinen freien Zugang mehr zum Finanzmarkt der Europäischen Union. Doch in der Praxis wird sich vorerst möglicherweise gar nicht so viel ändern.

Viele Londoner Finanzdienstleister haben Tochtergesellschaften auf dem Kontinent gegründet.

Schon vor anderthalb Jahren hatte sich abgezeichnet, dass Finanzdienstleistungen aus London heraus keinen freien Zugang zum europäischen Markt erhalten werden. Viele britische Unternehmen haben deshalb auf dem Kontinent Tochtergesellschaften gegründet. So können sie ihre Dienstleistungen in der EU weiterhin anbieten. Zudem gibt es für einige kritische Bereiche Übergangsregelungen, dazu gehört etwa das Derivate-Clearing (das gegenseitige Auf- und Verrechnen von Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen Geschäftspartnern, Anm. d. Red.).

Viele haben einen Teil ihres Geschäfts nach Amsterdam, Dublin oder Frankfurt verlegt. Wie sehr hat das den Finanzmarkt London geschwächt?

Bislang sind rund 8000 Bankenjobs von London auf den Kontinent verlegt worden. Doch das sind bloss etwas mehr als zwei Prozent aller Stellen im Londoner Finanzmarkt.

London bleibt der wichtigste Finanzmarkt Europas.

London bleibt deshalb vorderhand der wichtigste Finanzmarkt in Europa. Seine Zukunft hängt davon ab, wie die künftigen Regelungen mit der EU ausgestaltet sein werden – und wie sich Grossbritannien auf dem Weltmarkt schlägt.

Was heisst das konkret? Wird der Finanzplatz London seinen Stellenwert behalten können?

London wird auf absehbare Zeit der grösste Finanzmarkt Europas bleiben. Er bietet ein ideales System für alle Finanzdienstleistungen, weil man hier alles findet, was dafür notwendig ist.

Einige kleinere Finanzmärkte auf dem Kontinent werden an Bedeutung zunehmen.

Falls sich London nur wenig von den europäischen Finanzmarkt-Regulierungen entfernt und deshalb in vielen Bereichen via Äquivalenzregeln Zugang zum europäischen Finanzmarkt bekommt, dürfte London seine Stellung auch längerfristig behalten. Trotzdem: Einige kleinere Finanzmärkte auf dem Kontinent werden weitere Finanzprodukte an sich ziehen und wohl an Bedeutung zunehmen.

Das Gespräch führte Susanne Stöckl.

SRF 4 News aktuell vom 4.1.2021, 06.20 Uhr;

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Mir macht weniger der Finanzplatz als die Finanzlage der EU sorgen. Dieser Hyperschuldenberg... Wenn dieses Luftschloss zusammenbricht kann sich Europa noch ganz andere Sorgen angedeihen lassen, als die Hoffnung dass auf dem Kontinent "die Finanzplätze weitere Produkte an sich ziehen".
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  • Kommentar von Beat Leutwyler  (Beat Leutwyler)
    "Fairer Wettbewerb" ist die Losung der EU.

    Das sind 2 Wörter die sich aus Sicht der Logik gegenseitig ausschliessen. Entweder etwas ist fair (in etwa gleich) oder es herrscht Wettbewerb.

    Mit sogeanntem EU-Recht würde also jedwelcher Finanzmarkt sowieso nicht funktionieren. Das Singapur an der Themse könnte also durchaus Realität werden. Andererseits schlägt sich die EU mit Staatswirtschaft herum - und merkt es noch nicht einmal.
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  • Kommentar von Dietmar Logoz  (Universalamateur)
    Wenn der Finanzplatz London internationalen Banken nicht mehr den Vorteil eines Direktzugangs zum EU-Wirtschaftrsraum bietet, können sie ihre Geschäfte geradesogut aus ihren Zentralen abwickeln. New York, Hong Kong und andere Finanzplätze bieten auch "alles", London brauchen sie dann nicht mehr. Die Frage ist eher, ob innerhalb der EU ein einziger Finanzplatz die bisherige Rolle Londons übernehmen wird, das Steuersubstrat wird sich die EU wohl kaum entgehen lassen wollen.
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