Der rote Samtvorhang deutet es bereits an: An diesem Mittwochabend wird's classy in Oerlikon. Den Opener («Intro: Girl Under the Gray Cloud» und «I Will Overcome») präsentiert Raye dann auch im weissen (Fake?-)Pelzmantel, den sie sogleich für die Smash-Single «Where Is My Husband!» ablegt und wie ihre beiden Backing-Sängerinnen in eleganter roter Funkel-Robe weitermacht. Ihre knapp 20 Musikerinnen und Musiker starke Big Band ist derweil geschlossen geschalt.
Passend dazu deutet das Setting eine Atmosphäre wie in einem Jazzclub an – in der Hälfte der Show wird die Bühne sogar zu einem solchen, breite Türsteher und frisch servierte Drinks inklusive. Und nach diesem gar ausgedehnten Segment, in dem der Pop draussen bleiben muss, holt die Britin ihn mit Schwung zurück und kurzzeitig auch Techno dazu – für ein paar Minuten wird aus dem Konzert ein Rayve.
Setlist voller Unbekannten
Eine Raye-Show im Jahr 2026 ist demnach vieles, aber sicher nicht langweilig. Sie ist R&B-Pop, Jazz-Entspanntheit und Club-Euphorie. Sie ist abwechslungsreich, aber nicht beliebig, und mit zweieinviertel Stunden zwar lang, aber nicht langweilig. Dass die 28-Jährige so üppig anrichten kann, obwohl sie erst eine Platte draussen hat, ist erstaunlich. Und bewundernswert.
Wobei: Ein guter Teil der Setlist besteht aus Tracks ihres am 27. März erscheinenden Zweitlings «This Music May Contain Hope». Warum sie auf Tour geht, obwohl das zugehörige Album noch nicht draussen ist? Warum auch nicht. Der Begeisterung des Publikums für die unbekannten Nummern tut das schliesslich kaum Abbruch. Und das liegt nicht nur an der überzeugenden Musik, sondern vor allem an Rayes unwiderstehlich sympathischem Auftreten und ihrer ungekünstelten Nahbarkeit.
Echt einstudiert
Rachel Keen, wie sie an ihrem Briefkasten angeschrieben ist, sticht mit ihrem Strahlen von Anfang an sogar die hellsten Bühnenleuchten aus, sprüht vor Spielfreude, suhlt sich in der Dramatik einer zerbrochenen Liebe, bleibt wie ihre Band stets messerscharf fokussiert und witzelt trotzdem immer wieder locker und herzhaft mit dem Publikum. Vieles davon ist eingeübt, klar – bei einer Show dieser Grösse sitzen die Abläufe. Aber es ist trotzdem echt.
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Bild 1 von 3. Das Hallenstadion-Konzert ist Rayes erste Schweizer Clubshow als Headlinerin – aber nicht ihr erster musikalischer Besuch im Land: 2023 supportete sie SZA ebenda, 2024 und 2025 spielte sie am Montreux Jazz Festival. Bildquelle: Marco Masiello.
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Bild 2 von 3. Entertainerin durch und durch: Wenn die Engländerin vom Typen erzählt, über den sie erst Jahre nach dem Liebes-Aus endlich hinweggekommen ist oder Komplimente für die Outfits der Konzertgäste verteilt, hängt ihr das Publikum regelrecht an den Lippen. Bildquelle: Marco Masiello.
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Bild 3 von 3. Tight getaktet und dennoch verspielt: Trotz Hallenstadion-Grösse schafft Raye in Zürich eine wunderbar familiäre Atmosphäre. Bildquelle: Marco Masiello.
Doch an einigen Stellen scheint Raye kurzzeitig aufs Skript zu pfeifen. Dann, wenn sie einräumt, stimmlich nicht ganz auf der Höhe zu sein (was allerdings zu keinem Zeitpunkt auffällt), das Publikum daraufhin einen «Raye! Raye! Raye!»-Chor anstimmt und damit bei der Sängerin für feuchte Augen sorgt.
Schweizer Family
Oder dann, wenn sie sich als «Swiss Girl» bezeichnet, da ein Teil ihrer Verwandtschaft in der Ostschweiz lebt und «eine ganze Busladung an Schweizer Cousinen und Cousins» im Hallenstadion sei. Raye zeigt auch stolz das tätowierte Schweizerkreuz auf ihrem Unterarm. Und erklärt der Menge, sichtlich ergriffen, dass ihr Appenzeller Grossvater erst vor wenigen Wochen gestorben ist. «Es wäre so schön, könnte er jetzt hier sein», sagt sie, «diese Show widme ich ihm.»
Ihre Familie steht derweil nicht nur vor, sondern auch auf der Bühne. Beim Closer «Joy» stimmen ihre Schwestern Abby-Lynn aka Absolutely und Lauren alias Amma mit ein. Die beiden sind auch das Vorprogramm dieser Tour, die zum einen schön pompös, zum anderen aber auch wohlig familiär daherkommt.