Wir Menschen halten uns gern für souverän in unseren Entscheidungen, beherrschen unsere Gefühle, bestimmen unsere Handlungen. Doch in Wahrheit steuert ein hochkomplexes System Verhalten, Stimmung, Stoffwechsel und Wohlbefinden entscheidend mit: das Hormonsystem.
«Oft ist es den Menschen nicht bewusst, inwieweit eigene Wünsche oder das eigene Verhalten von biologischen Einflüssen abhängen können. Einflüsse, die wir nicht kontrollieren können», sagt Thierry Buclin, Pharmakologe am Universitätsspital Lausanne. Dass sogar ein einziges Hormon das ganze Leben auf den Kopf stellen kann, zeigt die Geschichte von Béatrice Thurnherr.
Ein Körper spielt verrückt
Mit Anfang 40 entwickelt Béatrice Thurnherr Bluthochdruck. Zunächst wirkt es wie eine kleine Unregelmässigkeit, die man mit Medikamenten einfach korrigieren kann. Doch es bleibt nicht beim Bluthochdruck. Der Körper von Béatrice beginnt sich zu verändern: Der Bauch wird rund, Arme und Beine wirken seltsam geschwollen und fest. «Vor allem mein Gesicht war sehr rund und rot», erzählt sie.
Hinzu kamen Konzentrationsprobleme, Infekte, Stimmungsschwankungen und schliesslich Depressionen. Nichts schien zusammenzupassen. Das machte die Situation nur schwieriger. «Meine verschiedenen Symptome wurden behandelt, ohne sie miteinander in Verbindung zu bringen. Tatsächlich begann ich mich manchmal zu fragen, ob ich verrückt sei. Ich glaube, manche Ärzte hielten mich für hypochondrisch.»
Im Laufe der Jahre entwickelt Béatrice zusätzlich Diabetes. Ihre Hausärztin überweist sie an eine Diabetologin. Dort passiert etwas Bemerkenswertes: Die Spezialistin kombiniert und erkennt die Zusammenhänge innerhalb weniger Minuten. Die Diagnose: das Cushing-Syndrom – eine seltene Erkrankung, ausgelöst durch einen chronischen Überschuss des Hormons Kortisol, auch bekannt als Stresshormon.
Ein System, präziser als jede Maschine
Hormone sind Botenstoffe, die von diversen Organen und Drüsen ins Blut abgegeben werden und im ganzen Körper wirken. Anders als das Nervensystem, das schnelle elektrische Signale sendet, arbeitet das Hormonsystem langsamer, aber hat eine länger anhaltende Wirkung.
«Der Hauptunterschied zwischen dem Nervensystem und dem Hormonsystem besteht in der Reaktionsgeschwindigkeit: Während das Nervensystem sehr schnelle elektrische Signale aussendet, schüttet das Hormonsystem Hormone in den Blutkreislauf aus, wodurch eine langsamere, aber länger anhaltende Wirkung erzielt wird» erklärt die Endokrinologin Maria Mavromati.
Evolutionär sind die beiden Systeme eng verwoben. Sowohl das Nervensystem als auch das Hormonsystem sind über hunderte Millionen Jahre gemeinsam entstanden, es ist ein fein abgestimmtes Kommunikationsnetzwerk, das den Organismus stabil hält.
Ich fühlte mich am Boden zerstört. Ich weiss nicht, ob es die Stimmung war oder etwas anderes, aber es war extrem heftig.
Auch das Hormon Kortisol spielt darin eine zentrale Rolle. Es moduliert die Stressreaktion, beeinflusst Immunsystem, Entzündungen, Blutzucker, Blutdruck und sogar die Stimmung. Zu viel oder zu wenig davon führt gleichermassen zu Problemen. Zu wenig Kortisol beeinträchtigt die Belastungsfähigkeit und die Regulation des Immunsystems, zu viel führt zu einer anhaltenden Überaktivierung verschiedener Körperfunktionen.
Die Auswirkungen von zu viel oder zu wenig Kortisol treten allerdings häufig so allmählich auf, dass die zugrunde liegende Störung lange unentdeckt bleiben kann. Das hat Béatrice Thurnherr am eigenen Leib erfahren. Wer wie sie mehrere unspezifische Beschwerden hat, wird oft von einer Fachrichtung zur nächsten weitergereicht. Dass ein einziges Hormon so viele Prozesse gleichzeitig beeinflusst und deshalb auch stören kann, macht die Diagnose komplex.
Ein fragiles Gleichgewicht
Die Ursache für Béatrices Kortisolüberschuss war ein Tumor an der Hypophyse, der die Nebennierenrinde ständig zur Kortisolproduktion antrieb. Der Tumor wurde bei Béatrice operativ entfernt. Sie spürte und sah die Folgen unmittelbar: «Mein Gesicht wurde wieder schlanker. Auch der Blutdruck sank.» Ihr Diabetes stabilisierte sich.
Doch mit dem raschen Kortisolabfall kamen neue Beschwerden: «Ich fühlte mich am Boden zerstört. Ich weiss nicht, ob es die Stimmung war oder etwas anderes, aber es war extrem heftig.» Ihr Körper, der jahrelang auf Hochtouren lief, stürzte in ein hormonelles Vakuum. Sie spürt die Folgen vor allem psychisch.
Hinzu kam nach zwei Jahren ein Rückfall, ein bekanntes Risiko bei ihrer Diagnose. Béatrices Körper produziert erneut zu viel Kortisol. Dieses Mal folgt eine Behandlung, die ihre natürliche Kortisolproduktion blockiert. Das erfordert eine nahezu chirurgische Präzision, denn: «Wenn man die Kortisolproduktion blockiert, kann schnell ein Mangel entstehen», sagt die Endokrinologin Mavromati.
Um den Mangel auszugleichen, musste Béatrice synthetisches Kortisol einnehmen. Kortisol blockieren und gleichzeitig synthetisches Kortisol einnehmen: Ein scheinbar paradoxes Vorgehen, um den Körper zu stabilisieren. Nach etwa fünf Jahren konnten die Therapiemassnahmen langsam reduziert werden. Béatrices Vertrauen in den eigenen Körper bleibt allerdings fragil. «Ich wünsche mir nie wieder einen Kortisolüberschuss», sagt sie mit spürbarer Verunsicherung, «weil es sehr schmerzhaft ist , körperlich und seelisch. Man ist nicht mehr sich selbst.»
Biologie und Identität sind eng verwoben
Am Ende steht eine Erkenntnis: Béatrice Thurnherrs Geschichte zeigt, wie tief Hormone in unser Leben eingreifen, weit über vermeintlich einfache Körperfunktionen hinaus.
Hormone beeinflussen, wie wir fühlen, denken, reagieren. Sie bestimmen unser Gewicht mit, unsere Energie, unser Verhalten. Vieles davon halten wir für selbstverständlich, bis ein Hormon entgleist und sichtbar macht, wie eng unsere Biologie und Identität verflochten sind.