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Hot Takes zu den Sommerferien So macht man richtig Ferien: Steile Thesen rund ums Reisen

Zwei lachende Personen auf einem blau-weiss gestreiften Liegestuhl.
Legende: Sommerferien! Zeit für einen gepflegten Streit – natürlich über Ferien. Getty Images/Tom Werner

Sommerferien: Freiheit, Erholung, endlich Pause! Wie macht man aber richtig Ferien? Gewagte Thesen zum Urlaub, die hoffentlich die Gemüter erhitzen – mit fundiertem Pro und Contra.

Gruppenreisen? Kill me now!

Ich sag’s ohne Umschweife: Seit ich Kind bin, ist mir das Reisen in Gruppen ein Graus. Klassenlager? Obwohl ich nie geweint habe, fand ich sie zum Heulen. Schon die Cars sind furchtbar: Es dauert keine zehn Minuten, bis es nach Schweiss und Snacks stinkt.

Drei lachende Personen im Badeanzug sitzen im Freien auf einer Decke, umgeben von Snacks und Wassermelonen.
Legende: Kleine Reisegruppe – grosser Spass! Pro-Tipp: Zu dritt ist es am schönsten. Getty Images/fotograzia, Getty Images: Yoss Sabalet, Collage: SRF

Gründe für meine Abneigung gegen Gruppenreisen gibt es noch mehr.

  1. Als Einzelkind bin ich für den Egotrip prädestiniert.
  2. In Gruppen muss man Kompromisse eingehen, was einen meist in miese Touristenfrass-Fallen führt.
  3. In Gruppen reist zu viel Heimat mit. Schweizer, bitte bleibt mir in den Ferien fern!

Ich reise drum lieber in kleinen Gruppen. Drei ist eine gute Zahl, sagt meine Erfahrung. Zu dritt kriegt man in Restaurants einen Tisch für vier. Und wenn zwei reden, kann der Dritte auch mal abhängen.

Da bin ich nicht die einzige: Statistiken zeigen, dass die meisten in kleinen Gruppen reisen – und zwar in der Familie (54 Prozent) oder mit Partnerin oder Partner (34 Prozent) oder mit Freunden (24 Prozent). Auf grosse Gruppen lassen sich nur circa 6 Prozent ein. Ich bin da also – wie so oft – nicht die Einzige. (Danja Nüesch)

Gruppenreisen sind tierisch lustig!

Zu zwölft im Agriturismo? Kann purer Hedonismus sein. Das sage nicht nur ich, sondern auch ein Forscherteam von Psychologinnen aus London. Wenn sich die Sinne mehrerer Menschen auf das gleiche Motiv ausrichten, verstärke sich die Freude daran. Die schöne Veranda, der gute Wein, die steilen Wanderwege. Zusammen: noch schöner!

Eine Gruppe von Menschen, die an einem Tisch im Freien zusammen isst.
Legende: Mit vielen Leuten in die Ferien fahren: Sieht doch schön entspannt aus. Getty Images/fotograzia, Getty Images/JohnnyGreig, Collage: SRF

Der Vorteil des Kollektivs: Das Soziale bereichert, Arbeit kann aufgeteilt werden. Mehr Leute, mehr Ideen. Und mehr Geselligkeit.

Auch Sozialpsychologe Johannes Ullrich stimmt ein: Gruppenreisen befriedigen unser Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Es erfordere Koordination, aber «die Belohnung steckt im Ergebnis». Ausserdem gibt es kaum ein anderes Gefüge, in dem man in kurzer Zeit so viel über sich selbst lernt.

Pingpong-Turnier oder Grabstätten-Besichtigung? Logischerweise haben zwölf Freunde nicht die exakt gleichen Vorlieben. Aber wieso nicht Kompromisse eingehen? Sich fremdsteuern lassen, kann befreiend sein. Dann ist man halt Teil eines Kamelritts durch die Wüste. Hauptsache: tierisch lustig.

Und wer behauptet, Ruhe sei ein Fremdwort bei Gruppenreisen, dem sei gesagt: Probieren Sie meine präferierte Art des Zusammenseins, in der Fachsprache: «socializing in silence». Heisst: Zeit miteinander verbringen, ohne sich die ganze Zeit miteinander zu beschäftigen. Jemand liest, während der Freund im Nebenzimmer Brot backt. (Mara Schwab)

Raststätten: Auf euch fährt keiner ab!

Das Reisen mit dem Auto soll die bequemste aller Arten sein. Früher versprachen Autobahnen Mobilität, Freiheit, Abenteuer. Heute Stress, Stau, Schlechtsein. Dolce Vita fühlt sich anders an.

Hand hält Foto von Stau mit vielen Autos und Personen.
Legende: «Nur ein kleines bisschen Stau.» Jaja, und das Beste ist, wir sehen all die netten Menschen gleich an der Schlange am Raststätten-WC wieder. Halleluja! Getty Images/LisaValder, KEYSTONE/Urs Flueeler, Collage: SRF

Die Kulmination allen Übels: Früher oder später landet der Autoreisende an der Raststätte. Es gibt nichts Tristeres als diesen «Nicht-Ort», wie Anthropologe Marc Augé ihn nennt. Geschichtslos, gesichtslos. Der Kaffee ist wässrig, die Sandwiches übel. Und absurd teuer.

Das Problem: Kein anderes Restaurant der Welt ist so gut angebunden an Warenwege wie die Raststätte. Drum hat sie die Oberhand. Wir müssen mal, sie verdient daran: fürs Wasserlassen Geld lassen? Das verdirbt die Laune schon zu Ferienbeginn.

Spätestens dort wird klar: Autofahren ist kein Reisen, das ist bloss Fortbewegung. Also fahre ich mit dem Velo. Nirgendwo sonst kriegt man genau das zurück, was man investiert. Anstrengender Anstieg? Dann Abfahrt im Affenzahn. Auf dem Velo fühle ich mich frei. Ja, mit dem Velo ist die Strecke kürzer. Dafür ist der Schlaf länger – und fühlt sich so schön verdient an. (Mara Schwab)

Raststätten: Immer einen Zwischenhalt wert!

Die Kluge fährt im Zuge – eine Weisheit, die mich von klein auf begleitet. Und die nie aus der Mode kommt: Wer im Zug reist, schadet der Umwelt schlicht weniger als der, der mit einem Benziner durch die Gegend brettert.

Eine Person hält ein Foto einer Autobahnüberführung mit Verkehr darüber.
Legende: Autofahren ist Freiheit. Und Raststätten? Nicht-Orte, wo man weiss, was man kriegt. Getty Images/LisaValder, KEYSTONE/Dorothea Mueller, Collage: SRF

Ich mag Zugfahren auch. Aber ich muss zugeben: Im Zweifel fahre ich meist mit dem Auto in die Ferien. Mein Argument, wofür ich mich nicht brüsten kann: aus Bequemlichkeit, weil Gepäck und Kinderkram in den Kofferraum passen. Und weil mir das Autofahren ein Gefühl von Freiheit gibt. Klingt nach altem weissen Mann, der sich in der Midlife-Crisis einen Maserati kauft? Touché. Aber eine Luxuskarosse, das kann ich beteuern, besitze ich nicht.

Am Autofahren mag ich, dass man halten kann, wann und wo man will. Mein liebster Zwischenstopp: die Raststätte. Eigentlich ja ein Unort, wie der oben zitierte Anthropologe meint. Aber ich mag Raststätten. An Raststätten wird nie einer enttäuscht, weil keiner was erwartet. Und: So ein Kaffee aus dem Automaten geht zwischendurch auch mal runter. Dem Kaffee aus dem Siebträger kann ich ja dann im Ferienort frönen.

Und wenn ich noch einen Geheimtipp geben darf: In Frankreich gibt’s einen Rastplatz auf der Autobahn, wo Riesen-Kunstpilze aus dem Boden spriessen. Ein Spass für Kinder, aber auch für Erwachsene – wenn auch etwas in die Jahre gekommen. Dieser Rastplatz erinnert mich daran: Der Weg ist das Ziel. Natürlich wird dieser Pilz-Platz nicht den Horizont erweitern. Aber ein bisschen Spass muss sein. Oder was war nochmal das Ziel von Ferien? (Danja Nüesch)

Liebe Touristen, ihr seid keine Locals!

Es sei «the right thing to do» lese ich auf einem Backpacker-Blog. Man habe gefälligst die Landessprache zu lernen. Man ziehe ja auch die Schuhe aus, bevor man die Wohnung eines Freundes betritt.

Der Vergleich hinkt: Fremde Städte sind nicht Buden von Freuden. Und sowieso: Wieso so moralisch aufgeladen? Woher kommt diese Idee, ich sei eine bessere Touristin, wenn ich den Taxifahrer mit einem holprigen «Bonschuuur» begrüsse?

Zwei Personen auf der Strasse, eine fotografiert und die andere zeigt auf etwas.
Legende: Wenn schon Touri, dann richtig! Pro-Tipp: Den Reiseführer behende im Rucksack verstecken, macht einen nicht automatisch zum Local. Also probieren Sie es gar nicht erst. Getty Images/Jasenka Arbanas, Ivan Pantic, Collage: SRF

Mir scheint es fast schon ein fetischistischer Drang zu sein, mit den Einheimischen in Kontakt treten zu wollen. Und ist es nicht genauso authentisch, wenn der Kellner im mallorquinischen Touristenort Englisch spricht – denn mit Tourismus sichert er sich sein Einkommen?

Auch ich wollte einst in Mexiko nicht als ignorante «Gringa» gelten, lernte vorab Spanisch und durfte – dem desorientierten Navi sei Dank – alle fünf Minuten nach dem Weg fragen. Die Antworten verstand ich eigentlich nie. Wir verfuhren uns ständig und zahlten am Schluss eine dicke Busse. Die Moral von der Geschicht? Lernen Sie die Sprache nicht!

Touristen, das sollen ja immer die anderen sein. Aber: Es ist eine Illusion zu glauben, passe man sich nur genug an, gehe man als Local durch. Akzeptieren Sie es doch einfach. Sie sind der Grund, warum es Hop-on-Hop-Off-Busse gibt. (Mara Schwab)

Liebe Touristen, integriert euch!

Ich hatte mal einen Nachbarn, der sehr in seiner Heimat verwurzelt war und ungern reiste. Einmal wagte er sich mit einem Reisebus nach Italien und bestellte in einem Restaurant ein Schnitzel. Als er nach Hause kam, berichtete er mir gefrustet: Das panierte Schnitzel schmeckt einfach in seiner Stammbeiz am besten.

Drei Personen in einem Laden probieren etwas, Regale im Hintergrund.
Legende: Eine Handvoll Vokabeln beim Bestellen, dazu freundliches Gestikulieren. Und die Belohnung folgt: lokale Speisen – und ein Lächeln. Getty Images/Jasenka Arbanas, Thomas Barwick, Collage: SRF

Ich finde: Wer in die Fremde reist, muss das Schnitzel zu Hause lassen (ausser natürlich, man reist nach Wien). Oder wer bei der Schnitzel-Metapher nicht anbeissen mag: Wer erwartet, dass alles in den Ferien wie zu Hause wird, sollte daheimbleiben. Drum finde ich auch: Wer in die Fremde reist, soll sich möglichst unauffällig verhalten. Sich unter Locals mischen.

Neulich stiess ich in einer Ausstellung auf eine Frage von Max Frisch. «Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: Befällt Sie dann Heimweh oder dann gerade nicht?» Die Antwort ist bei mir klar: Wenn ich Schweizerinnen in Funktionskleidung sehe, die über Sauberkeit oder Effizienz oder das Essen klagen, will ich nur weg.

Natürlich: Selbst, wenn man sich die grösste Mühe gibt, wird man als Schweizer im Ausland nie ein Local sein. Aber ich finde, es gehört zum guten Ton, zumindest ein paar Brocken in der Fremdsprache zu sprechen, mal eine lokale Leckerei zu probieren.

Natürlich kann es auch nerven, wenn Touristen so tun, als wären sie nach drei Tagen schon immer hier gewesen. Kein Tourist hat nach wenigen Tagen ein Lieblingscafé – das ist schlicht gefaked für Instagram.

Mein Wunsch aber trotzdem: Integrieren Sie sich. Machen Sie sich so unsichtbar wie möglich. Bitte aber nicht in Funktionskleidung. (Danja Nüesch)

Grosse Erwartungen: Vorfreude ist Teil der Experience!

Ferien, die schönste Zeit des Jahres. Ein so kostbares Gut. Es gilt, das meiste rauszuholen. So wurde es mir beigebracht von meiner Mutter, einstige Reiseleiterin. Heisst: Recherchieren, planen.

Person mit langen Haaren, die Bücher in einem Regal sortiert.
Legende: Jetzt erst mal angemessen tief in das Thema «Urlaubsdestination» reinarbeiten. Das wird lustig, findet jedenfalls die Autorin. Getty Images/Tetra Images/Winslow, IMAGO/teutopress, Collage: SRF

Der Fokus liegt bei mir auf dem Traum von der Reise, würde Autorin Felicitas Hoppe sagen. Gemäss ihr besteht jede Reise aus drei Teilen: der Vorstellung, der Reise selbst, und wie danach davon erzählt wird.

Viel erwarten ist heute out. Nahegelegt wird Nonchalance. Der grosse Gleichmut? Reizlos, finde ich. Ich breche eine Lanze für Vorfreude. Für Sehnsucht. Für Erwartungen.

Liebe in die Planung zu stecken, hat etwas Schönes. Intensiv wird erlebt – etwa beim Durchforsten der Hotels: «97 Prozent der Unterkünfte sind an Ihren Reisedaten auf unserer Seite nicht verfügbar». Dann plötzlich: «Dies ist ein seltenes Fundstück». Das Herz hüpft! Es braucht die Dramaturgie: die Anspannung und Erlösung, das Entgegenfiebern, Hoffen und Loslassen.

«Die Befriedigung liegt im Verlangen selbst», schreibt auch der Philosoph Coen Simon. Resultat nebensächlich, Sehnen im Mittelpunkt. Es ist wunderbar, sind wir überhaupt zu Sehnsucht fähig.

Ich: eine Stararchitektin der Luftschlösser. Wieso sollte ich diese zur Perfektion ausgefeilten Skills aufgeben? Sie sind das Salz meines Lebens – nicht nur in den Strandferien.

Das Schmachten nach grandioser Urlaubszeit wird sogar wissenschaftlich empfohlen. Forschende der Erasmus-Universität Rotterdam fanden heraus, dass nicht die Reise selbst, sondern die Vorfreude auf die Reise viel glücklicher macht. Der Höhepunkt liegt etwa zehn Tage vor der Reise. (Mara Schwab)

Grosse Erwartungen: bringen einen nur ins Schwitzen!

Ferien sind im anstrengenden Alltag für viele der Hoffnungsschimmer. Der Historiker Valentin Groebner, den das Thema Tourismus seit Jahren bewegt, bringt’s in der «NZZ» auf den Punkt: «Eigentlich sind Ferien eine Art Verzweiflung am eigenen Alltag, als Belohnung verpackt.»

Person sitzt auf einem Bett in einem hellen Zimmer.
Legende: Pro-Tipp: Von den Ferien nichts erwarten. Dann kann es kaum schlimmer werden. Und wird es wider Erwarten gut: Hauptgewinn – alles richtig gemacht. Getty Images/Tetra Images/Winslow, IMAGO/Zoonar, Collage: SRF

Nur entpuppt sich die Belohnung nicht selten als Frust: Denn vor Ort ist der einsame Strand, den man auf Instagram entdeckt hat, rappelvoll. Das lokale Essen leider nur halb so lecker, wie es auf den Tripadvisor-Fotos aussah, und das 1A-Airbnb höchstens eine C.

In den Ferien werden wir also oft enttäuscht. Beste Zeit im Jahr: eine Möglichkeit, aber kein Muss. Das beste Serienbeispiel: «The White Lotus». Die Serie im Schnelldurchlauf: Schwerreiche Menschen machen in einem Luxus-Resort Ferien und gehen sich wahnsinnig auf den Wecker. Für gewisse schlägt sogar das letzte Stündchen. Die Serie zeigt: Selbst am schönsten Ort hat jeder sein Köfferchen von daheim zu tragen.

Wer viel für Ferien zahlt – das hat mir Valentin Groebner mal in einem Gespräch verraten – hat die Erwartung: Alles werde in den Ferien wieder gut. Für diese «Wiederherstellungsfantasie», wie er das nennt, ist man bereit zu zahlen. Ich will keinem die Ferien vermiesen, aber ich glaube, von Ferien darf man nicht zu viel erwarten. Es wird nicht alles gut. Wenn’s eine gute Zeit wird: umso besser.

Und noch eine Randnotiz: Interessanterweise werden ja nicht wenige Menschen – auch ich – krank, sobald die Ferien beginnen. «Leisure Sickness» ist der Begriff dafür. Sobald der Stress abnimmt, so vermutet man, lässt der Körper Symptome zu. Ein Gegenmittel: schon im Alltag Stress reduzieren. Vielleicht sollten wir einfach mehr Ferien in den Alltag einbauen. (Danja Nüesch)

Buchhinweise

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Hoppe, Felicitas: «Reisen». Hanser, 2026.

Groebner, Valentin: «Abgefahren. Reisen zum Vergnügen». Konstanz University Press, 2025.

Coen, Simon: «Warten macht glücklich! Eine Philosophie der Sehnsucht. Theiss in Herder, 2015.

Radio SRF 1, 23.06.2026, 14:06 Uhr; noes

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