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Schweden will ohne Masken durch die Pandemie – wie lange noch?
Aus SRF 4 News aktuell vom 16.11.2020.
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Die andere Pandemie-Bekämpfung Korrespondent: «Schweden kommt in eine sehr kritische Phase»

Trotz stark steigender Infektionszahlen mit dem Coronavirus ist in Schweden eine Maskenpflicht kein Thema, wie SRF-Nordeuropakorrespondent Bruno Kaufmann weiss.

Bruno Kaufmann

Bruno Kaufmann

Skandinavien-Korrespondent

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Bruno Kaufmann berichtet seit 1990 regelmässig für SRF über den Norden Europas, von Grönland bis Litauen. Zudem wirkt er als globaler Demokratiekorrespondent beim Internationalen Dienst der SRG, swissinfo.ch/directdemocracy, Link öffnet in einem neuen Fenster.

SRF News: Wie ist die aktuelle Situation in Schweden?

Bruno Kaufmann: Schweden steht an der Schwelle zur zweiten Pandemiewelle. Jetzt sind im Gegensatz zum Frühling aber nicht mehr nur die Städte betroffen, die Infektionszahlen steigen im ganzen Land an. Vor allem jüngere Menschen stecken sich bislang vermehrt an, weshalb das Gesundheitswesen noch nicht überlastet ist. Doch es zeichnet sich eine massive Verschärfung ab, eine grössere Krise ist nicht ausgeschlossen.

Schweden im Vergleich zur Schweiz

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Schweden im Vergleich zur Schweiz
Legende:Keystone

Wie in ganz Europa steigen auch in Schweden die Neuinfektionen mit dem Coronavirus wieder stark an. Am letzten Freitag wurde mit knapp 6000 Neuinfektionen innert 24 Stunden ein neuer Rekord gemeldet. Zum Vergleich: in der Schweiz waren es am Freitag gut 6700 neue Fälle. Schweden hat rund 10.2 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, die Schweiz 8.6 Millionen. In Schweden sind bislang mehr als 6100 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben, in der Schweiz knapp 3000 (Stand 16.11.).

Wie Schweden versucht auch die Schweiz, einen Weg ohne landesweiten Shutdown zu gehen. Der grösste Unterschied bei den Massnahmen dürfte aber die Maskenpflicht sein, die in der Schweiz inzwischen an allen Orten gilt, an denen der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann – auch draussen.

Eine Grafik, in welcher Sie die Entwicklung der Infektionszahlen im direkten Vergleich anschauen können, finden Sie hier.

Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell hatte für den Herbst nur mit einigen lokalen Infektionsherden gerechnet. Hat er sich also ziemlich geirrt?

Im Rückblick muss man sagen, dass Tegnell mit seiner ruhigen, nicht-alarmistischen Art das Virus immer wieder etwas unterschätzt. Gleichzeitig wies er stets auf eine langwierige Pandemie hin, die entsprechende Verhaltensänderungen nötig mache.

Chef-Epidemiologe Tegnell hat das Virus immer wieder etwas unterschätzt.

Tegnell glaubte zu Beginn des Herbstes nicht, dass auch Schweden von einer starken zweiten Pandemiewelle getroffen wird – was sich jetzt als strategischer Fehler herausstellt.

Tegnell.
Legende: Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell gerät immer stärker unter Druck. Reuters

Jetzt fordern auch in Schweden immer breitere Kreise härtere Massnahmen...

Die Forderung kommt von Medizinern oder Schulleitern. Sie weisen darauf hin, dass die jetzigen Massnahmen zu wenig greifen und die Menschen den Empfehlungen zu wenig strikt folgen. Deshalb wurde das öffentliche Leben an einigen Orten schon massiv zurückgefahren, etwa in der Studentenstadt Uppsala. Hier riefen die Behörden die Menschen schon vor Wochen auf, den ÖV nicht mehr zu nutzen und die Bibliotheken nicht mehr zu besuchen.

Hört die schwedische Regierung auf die Stimmen, welche schärfere Massnahmen fordern?

Ich denke schon. Bisher gaben vor allem die Gesundheitsbehörden die Linie vor, jetzt scheint die Regierung das Zepter in die Hand zu nehmen. So müssen die Restaurants schon bald um 22 Uhr schliessen, Feste – auch private – sollen verboten werden, auch Reisebeschränkungen und erstmals sogar Schulschliessungen sind in Diskussion. Doch weiterhin wird betont, dass das Wichtigste sei, dass alle ihre Selbstverantwortung wahrnähmen.

In Schweden ist eine Maskenpflicht weiterhin kein Thema. Weshalb nicht?

In der Tat sind die Masken sehr schwach verbreitet. Selbst im ÖV tragen schätzungsweise bloss drei von hundert Passagieren eine Maske.

Im ÖV tragen vielleicht drei von hundert Passagieren eine Maske.

Die Behörden stellten sich stets auf den Standpunkt, dass eine Maskenpflicht die Menschen dazu veranlassen könnte, die anderen Vorsichtsregeln wie Abstandhalten und Hygiene nicht mehr so ernst zu nehmen. Deshalb versucht man bislang immer noch, ohne Masken durch die Pandemie zu kommen. Wie lange das so bleibt, ist allerdings eine offene Frage.

Es könnte sich zeigen, dass sich Schweden auf dem Holzweg befindet.

Wird Schweden seinen Sonderweg weitergehen?

Die spezielle politisch-kulturelle Einstellung der Schweden mit Betonung der Eigenverantwortung wird weiterhin bestimmend sein. Doch es könnte sich zeigen, dass sich das Land damit auf dem Holzweg befindet. Die Situation ist jetzt ganz anders als im Frühling. Damals wurde es schon bald wärmer, der Sommer kam, die Leute hielten sich vermehrt draussen auf. Jetzt aber kommt die dunkle Winterzeit. Viele Schweden leben in Einzelhaushalten, und ob man sich zu Weihnachten treffen kann, ist völlig offen. Schweden kommt jetzt in eine sehr kritische Phase.

Das Gespräch führte Hans Ineichen.

SRF 4 News aktuell vom 16.11.2020, 06.45 Uhr;

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121 Kommentare

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  • Kommentar von Reto Gloor  (semiramis)
    Vor ein paar Wochen wurde der schwedische Sonderweg von den sogenannten Experten noch gelobt... wiederum ein paar Wochen vorher wurde der schwedische Sonderweg von den sogenannten Experten kritisiert.... ich denke unsere schweizerischen Experten haben genug damit zu tun ihre Arbeit in der Schweiz gut zum machen.... da gibt’ s definitiv Steigerungspotential - so langsam könnte ansonsten der Eindruck entstehen, dass es mehr darum geht in den Medien zu erscheinen als eine gute Arbeit abzuliefern?!
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  • Kommentar von maria hämmerle  (Schwedin)
    Hört Anders Tegnell persönlich zu und macht euch ein sachliches Bild!

    https://www.gmfus.org/events/coronavirus-sweden-update-swedens-chief-epidemiologist
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  • Kommentar von Hans Meuri  (hmeuri)
    In der Zwischenzeit fordert die Schwedische Bevölkerung härtere Massnahmen. Wann ist endlich auch die Schweizer Bevölkerung geistig soweit? Oder sind wir die Einzigen auf der Welt, denen Wohlstand und Reichtum wichtiger als Gesundheit und Leben ist? Arme Schweiz.
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    1. Antwort von Rolf Huber  (RolfHuber)
      Woher haben Sie jetzt wieder dieses Märchen? Also die Schweden, die ich kenne, finden es gut so, wie es ist. Lesen Sie oben selbst: "Selbst im ÖV tragen schätzungsweise bloss drei von hundert Passagieren eine Maske." Ausserdem kann man nur wiederholen, was schon lange klar ist: Schweden hat zwar auch viele Fälle, steht aber trotzdem nicht schlechter da als wir in Mitteleuropa. Hier könnte man meinen, ohne Maske kommen wir in die Apokalypse.
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    2. Antwort von Romeo Ruh  (RomeoRuh)
      Dazu gibt es einen anschaulichen Beitrag von Dr. Martin Kuldoff (Prof. Harvard Medical School) auf Londonreal.tv. Er spricht darüber, wie durch den fokussierten Schutz von besonders verletzlichen Bevölkerungsgruppen das umfangreiche Herunterfahren der Wirtschaft hätte verringert werden können. Zudem hätten die meisten Regierungen irrational reagiert, um kurzfristig die Bevölkerung zu schützen, aber dadurch den langfristigen Gesundheitsfokus und die Folgeschäden aus den Augen verloren hätten.
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    3. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      @Ruh, danke für den Hinweis! Sein Name ist Kulldorff. Hat gemeinsam mit Sunetra Gupta (Oxford) und Jay Bhattacharya (Stanford) die Great Barrington Declaration für einen fokussierten, menschenwürdigen Schutz der Risikogruppe verfasst (Jay: We can - IF WE TRY!). In dem Zusammenhang auch interessant die Studien und Einschätzung von John Ioannidis (Stanford). Seine Metastudie zur Infektionssterblichkeit (Ergebnis 0.23) ist soeben im WHO Bulletin herausgekommen. Kundigere Fachleute gibt es nicht.
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