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Drei Wochen nach Festnahme Belarus: Aktivistin spricht über «Erniedrigung» in Gefängnissen

Ende Januar wurde SRF-Korrespondentin Luzia Tschirky in der belarussischen Hauptstadt Minsk zusammen mit zwei Bekannten, Anisja Kasljuk und Juli Iljuschenko, festgenommen. Eine der Festgenommenen, Anisja Kasljuk, kam am Samstag frei. Im Interview mit der SRF-Korrespondentin spricht sie über ihre Erfahrungen in belarussischen Gefängnissen.

Anisja Kasljuk

Anisja Kasljuk

Juristin

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Die 24-jährige Anisja Kasljuk ist ausgebildete Juristin und engagiert sich bereits seit mehreren Jahren für die Menschenrechte in Belarus. Mit gerade einmal 21 Jahren wurde sie vom Magazin Forbes Europe auf die Liste «30 unter 30» im Bereich «Law and Policy» gesetzt. Sie war in der Vergangenheit unter anderem für die belarussische Menschenrechtsorganisation «Wesna» tätig.

SRF News: Wie lange waren Sie nach der Festnahme ohne sauberes Trinkwasser?

Ich wurde erst fünf Tage nach der Festnahme aus dem Zentrum für Gesetzesbrecher ins Gefängnis nach Schodino gebracht, rund 50 Kilometer nordöstlich von Minsk. Bis zu meiner Verlegung hatte ich keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und keine Matratze.

Willkürliche Festnahme

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Willkürliche Festnahme
Legende: Foto eines Augenzeugen der Festnahme zvG

Am 31.01 wurde SRF-Korrespondentin Luzia Tschirky in der belarussischen Hauptstadt Minsk zusammen mit zwei Bekannten, Anisja Kasljuk und Juli Iljuschenko von maskierten Männern in einen Minibus gezerrt, als sie an einem Fussgängerstreifen auf grünes Licht warteten. Die SRF Korrespondentin konnte nach knapp drei Stunden die Polizeistation verlassen, auf welche man sie zu dritt gebracht hatte.

Ihre beiden Bekannten wurden vor Gericht gestellt und unter wegen angeblicher «Teilnahme an einer nicht bewilligten Massendemonstration» zu 20, respektive 25 Tagen Arrest verurteilt. Anisja Kasljuk konnte das Gefängnis nach 20 Tagen Arrest verlassen.

Wie erklären Sie sich, dass man mit euch besonders hart umging, im Vergleich zu den anderen rund 25 Personen, die ebenfalls auf der Polizeistation festgehalten wurden?

Wir haben die Mitarbeiter auf der Polizeistation wohl zur Weissglut getrieben, da wir uns gegen Rechtsverstösse geäussert haben. Als man uns beispielsweise ein Festnahmeprotokoll ausstellen oder uns verhören wollte, ohne sich an den vorgeschriebenen Ablauf zu halten, und wir uns weigerten, dieses Dokument zu unterschreiben.

Kein Gespräch mit Juli Iljuschenko

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Juli Iljuschenko wurde bereits mehrere Tage zuvor vorübergehend aus der Haft entlassen. Das Verfahren wurde jedoch nicht eingestellt, sondern es droht ihm eine weitere Haftstrafe. Da er sich im Gefängnis mit dem Coronavirus angesteckt hat, ist es zurzeit nicht möglich, mit ihm zu sprechen.

Wann haben Sie Juli Iljuschenko zum letzten Mal nach der Festnahme gesehen?

Wir sassen noch mehrere Stunden gemeinsam auf der Polizeistation, bis man uns um zwei Uhr nachts, zwölf Stunden nachdem man uns festgesetzt hatte, in unterschiedlichen Kastenwägen ins Zentrum für Gesetzesbrecher fuhr.

Junge Frau mit Blumenstraus in den Händen blickt lächelnd zur Seite.
Legende: Anisja Kasljuk nach ihrer Freilassung. SRF

Diese Haftbedingungen hören sich nach Folter an...

Es geht darum, dass man die Menschen möglichst stark zu erniedrigen versucht. Uns hat man im Zentrum für Gesetzesbrecher gesagt: «Ihr seid politische Häftlinge und deswegen stehen euch Matratzen gar nicht zu. Ihr könnt euch die Fragen sparen.» Wir mussten uns zu fünft eine Zahnbürste teilen, ich konnte erst sieben Tagen nach der Festnahme erstmals duschen.

Wie waren die Haftbedingungen im Gefängnis in Schodino?

Wir waren zehn Frauen in einer kleinen Zelle, die rund drei Meter auf fünf Meter misst. Es war sehr kalt in der Zelle. Man hat uns nicht erlaubt, uns tagsüber auf den Betten zu sitzen, deswegen kommen die meisten Frauen mit Unterkühlungen aus den Zellen. Verglichen mit dem Zentrum für Gesetzesbrecher waren die Haftbedingungen aber gut, wir hatten endlich Matratzen.

Wart ihr im Gefängnis gezwungen, den ganzen Tag in der Zelle zu stehen?

Es gab Sitzbänke, aber diese waren hart und kalt. Alle Frauen bei uns in der Zelle haben vom Sitzen blaue Flecken bekommen, da wir uns auch nicht mit unseren Jacken auf die Bänke setzen durften. Ich hatte in den ersten Tagen dermassen starke Schmerzen, dass ich nicht sitzen konnte und stattdessen versucht habe, durch die Zelle zu gehen. Aber da man kein normales Essen bekommt, fehlt einem die Kraft dafür.

Wie hat sich Ihr Blick auf die Haftbedingungen durch Ihre eigenen Erfahrungen verändert?

Da ich dieses System nun von innen gesehen habe, werde ich in Zukunft, wenn es darum geht, Beschwerden gegen Haftbedingungen zu schreiben, den Freigekommenen gezielter Fragen stellen können. Beispielsweise werde ich mich im Detail nach der Qualität des Wassers erkundigen, ob die Matratzen desinfiziert werden, und wie es um das Licht in der Zelle steht. Während vier Tagen brannte in unserer Zelle pausenlos Licht. Als wir uns beschwerten, hiess es, der Lichtschalter sei kaputt.

Das Gespräch führte Luzia Tschirky.

Video
Aus dem Archiv: «Versuche, mich nicht einschüchtern zu lassen»
Aus Tagesschau vom 31.01.2021.
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SRF 4 News, 16.2.2021, 19:00 Uhr;

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Claudia Beutler  (Claudia)
    Das Schlimme für mich ist, dass man von hier aus so hilflos ist. In Belarus einmaschieren und den Diktator stürzen ist ja leider nicht möglich.. Man möchte den jungen Soldaten zurufen, warum tut ihr das? Es könnten eure Freunde und Verwandten sein. Schämt ihr euch nicht. Aber was nutzt es?
  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Belarus findet weltweit an vielen Orten statt. Durch Globalisierung/Medien ist alles näher gerückt. Gefühlt passiert es im eigenen Wohnzimmer. Wie kann den unterdrückten Menschen geholfen werden? Nicht mehr Handel treiben, Beziehungen abbrechen? Die Menschen auf der Strasse müssten am meisten darunter leiden. Globale Abhängigkeit, ich bezweifle, dass sich das wieder gross ändern lässt. Einzig und allein sehe ich gezielte Sanktionen gegen Machthaber und deren Entourage. Es müsste privat weh tun.
  • Kommentar von Fritz Meier  (FriMe)
    "Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen" (A. Einstein)
    Es ist nicht leicht, gezielte Sanktionen gegen Minsk einzuführen, ohne dass auch das Volk darunter leidet. Aber statt beschämend wenig tun, sollte laut und öffentlich die BY-Zivilgesellschaft unterstützt und für die Post-Lukashenka Zeit einen Aufbauplan entwickelt werden, der das Land bei der Transformation zu einem Rechtsstaat unterstützt - auch an die Adresse der Usurpatoren.