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Die Affäre um Cummings ist für Johnson noch nicht ausgestanden
Aus SRF 4 News aktuell vom 25.05.2020.
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Empörung in Grossbritannien «Johnson bestreitet, dass Cummings die Regeln verletzt habe»

In Grossbritannien sorgt der Chefberater von Premier Boris Johnson, Dominic Cummings, für negative Schlagzeilen. Während das ganze Land in der Coronakrise stillsteht, fährt Cummings quer durchs Land zu Familienangehörigen in Durham. Jetzt fordern viele Politiker – auch Tories – seinen Rücktritt. Die Affäre sei für Premier Johnson noch nicht ausgestanden, sagt SRF-Korrespondent Patrik Wülser.

Patrik Wülser

Patrik Wülser

Grossbritannien-Korrespondent, SRF

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Patrik Wülser arbeitet seit Ende 2019 in London als Grossbritannien-Korrespondent für SRF. Wülser war von 2011 bis 2017 Afrikakorrespondent und lebte mit seiner Familie in Nairobi. Danach war er Leiter der Auslandredaktion von Radio SRF in Bern.

SRF News: Premier Boris Johnson will Dominic Cummings nicht rauswerfen. Wie kommt das an in Grossbritannien?

Patrik Wülser: Nicht besonders gut. Alle grossen Zeitungen bringen die Affäre heute auf ihren Frontseiten. Die Kommentatoren sind sich dabei einig, dass Cummings eine Hypothek für die Regierung geworden ist und das Festhalten Johnsons an seinem wichtigsten Berater die Regierung lähmen wird.

Es macht den Anschein, dass die Regeln für hohe Regierungsangestellte nicht gelten.

Cummings besuchte trotz Ausgangssperre seine mehr als 400 Kilometer entfernt wohnenden Eltern. Warum löst das unter den Britinnen und Briten so viel Empörung aus?

Es macht den Anschein, dass die Regeln, die für alle Britinnen und Briten Gültigkeit haben, für hohe Regierungsangestellte nicht gelten. Auch untergrabe es die Glaubwürdigkeit der Corona-Massnahmen, wenn sie jetzt von dem Mann missachtet werden, der sie mit ausgearbeitet hat, sagen viele Politiker.

Scharfe Kritik auch aus der Konservativen Partei

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Ausser der Opposition fordern inzwischen über ein Dutzend Parlamentarier aus Johnsons Konservativer Partei sowie Kirchenvertreter und Ärzte den Rücktritt Cummings. Der Premier behandle die Menschen «wie Trottel» und «ohne Respekt», twitterte der Bischof von Leeds, Link öffnet in einem neuen Fenster, Nicholas Baines. Ausser ihm kritisierten noch viele andere Geistliche der Kirche von England Johnsons und Cummings Verhalten.

Der frühere Tory-Staatssekretär Paul Maynard nannte das Verhalten des Chefberaters «völlig unhaltbar». Der Abgeordnete David Warburton sagte dem Sender BBC, Cummings «schädigt die Regierung und das Land». Der Mediziner Dominic Pimenta twitterte ein Foto von sich in voller Schutzausrüstung , Link öffnet in einem neuen Fensterund schrieb: «Wenn Cummings nicht aus dem Dienst ausscheidet, dann mache ich das.» (dpa)

In der Bevölkerung, aber auch unter Politikern von links bis rechts, herrscht grosse Empörung. Warum hält Johnson trotzdem an seinem Chefberater fest?

Johnson bestreitet, dass Cummings die Regeln verletzt habe. Er habe bloss seinen Sohn in die Obhut seiner Eltern bringen wollen, weil seine Frau an Covid-19 erkrankt war. Cummings habe bloss das Wohlergehen des Sohnes im Blick gehabt, sagt Johnson. Er habe doch bloss nach gesundem Menschenverstand gehandelt.

Gibt es auch andere Erklärungen dafür, warum der Premierminister so dezidiert hinter Cummings steht, der ja nicht zum ersten Mal Regeln gebrochen hat und damit für Schlagzeilen sorgt?

Cummings ist Johnsons wichtigster Berater und Architekt der ganzen Brexit-Kampagne – inklusive aller Unlauterkeiten, die im Zuge des Abstimmungskampfs ins Feld geführt wurden. Er verantwortet auch den Abstimmungsslogan «Take Back Control».

Eine Entlassung Cummings wäre für Johnson ein grosser Verlust – und wohl auch ein Gesichtsverlust.

Nach Angaben verschiedenster Politiker aus allen Lagern ist Cummings ein so seltsamer wie schwieriger Mensch mit teilweise extremen Ansichten. Zuletzt sorgte er für Schlagzeilen als Unterstützer des Konzepts einer Herdenimmunität in der Coronakrise. Cummings gilt aber auch als hochintelligent mit ausgezeichneter Dossierkenntnis. Und letzteres ist nicht unbedingt die Stärke von Johnson. Deshalb wäre eine Entlassung Cummings mitten in der Coronakrise für Johnson ein grosser Verlust – und wohl auch ein Gesichtsverlust.

Wird Johnson angesichts des grossen öffentlichen Drucks an Cummings festhalten können?

Das weiss derzeit niemand. Klar ist, dass Johnsons gestrige Erklärung weder das Publikum noch die Politiker befriedigt hat. Oppositionsführer Keir Starmer sagte gegenüber der BBC, die Britinnen und Briten, die sich jetzt wochenlang an die Regeln gehalten hätten, hätten eine bessere Antwort von Johnson verdient. Spätestens am Mittwoch dürfte Starmer in der Fragestunde das Thema Cummings und dessen Ausflüge zur Sprache bringen. Manche britischen Zeitungen gehen heute davon aus, dass Starmer Johnson im Unterhaus «grillieren» werde.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

SRF 4 News aktuell, 25.5.2020, 08.15 Uhr;

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21 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Grossrieder  (View)
    Denke nicht nur ein Gesichts- auch ein Gehirn- sprich Wissensverlust, denn ohne Cummings scheint BJ ziemlich hilflos, mit dem Mundwerk alleine ist es wohl nicht getan. Nach der ziemlich miserablen Handhabung des Virus, sieht es nicht gut um die Glaubwürdigkeit des PM’s aus. Zumal er mit Sir Starmer einen starken und nicht zu unterschätzenden, experimentierten Gegner in der Opposition hat.
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  • Kommentar von Thomas F. Koch  (dopp.ex)
    "Er habe bloss seinen Sohn in die Obhut seiner Eltern bringen wollen, weil seine Frau an Covid-19 erkrankt war. "
    Es gab in seinem Haushalt einen bestätigten Coronafall und er bringt trotzdem seinen Sohn persönlich zu den Grosseltern, die zur Risikogruppe gehören? Selbst wenn Cummings oder der Sohn noch keine Corona-Symptome zeigten und ein vorgängiger Test noch negativ war, bestand dennoch die Möglichkeit, dass er die eigenen Eltern dem Risiko einer Ansteckung aussetzte. Eigenverantwortung?
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  • Kommentar von Frank Henchler  (Die Wahrheit ist oft unbequem)
    Oha großartiges Britannien, was ist bloß aus dir geworden ? Die Selbstverstümmelung hat wahrscheinlich noch nicht mal ihren Höhepunkt erreicht.
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