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Palästinensische Jugend kann erstmals wählen
Aus Echo der Zeit vom 19.02.2021.
abspielen. Laufzeit 08:27 Minuten.
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Erste Wahlen seit 2006 Palästinenser gehen an die Urne – viele zum ersten Mal

Die palästinensische Jugend kann sich kaum an die letzten Wahlen erinnern. Vier junge Erstwähler reden über ihre Erwartungen.

Junge Menschen zu finden, die offen über ihre politische Meinung reden, ist nicht leicht, weder in Gaza noch im Westjordanland. Denn Regierungskritik ist in beiden Gebieten gefährlich. Die Liste von Aktivisten, Kritikerinnen und Journalisten, die in den letzten Jahren von palästinensischen Sicherheitskräften verhaftet, geschlagen oder getötet wurden, ist lang.

Dennoch erklären sich vier junge palästinensische Frauen und Männer bereit, am Handy über die anstehenden Wahlen zu reden – einfach ohne zu sagen, wen oder welche Partei sie wählen werden.

Erstmals nach 15 Jahren wieder Wahlen

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Die letzten Wahlen in den Palästinensergebieten fanden vor 15 Jahren statt. Diese endeten in einem blutigen Streit zwischen den beiden grössten palästinensischen Parteien, der Hamas und der Fatah. Die radikalislamische Hamas hatte die Wahlen gewonnen, die Fatah unter Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas akzeptierte das Resultat aber nicht. Seither regiert die Fatah im Westjordanland und die Hamas in Gaza, beide längst ohne demokratisch legitimiertes Mandat. Die Parteien haben sich nun auf Parlamentswahlen im Mai und Präsidentschaftswahlen im Juli geeinigt.

Die Jüngste ist 18, wohnt im Westjordanland, und will nicht, dass man ihren Namen nennt. «Zuerst war ich richtig glücklich über die Aussicht auf Wahlen», sagt die angehende Innenarchitektin, die nebenbei als Kellnerin arbeitet. Jetzt sei sie jedoch enttäuscht. Denn der langjährige Präsident Mahmoud Abbas sei wieder der einzige Kandidat. «Er ist jetzt 85, das ist ziemlich alt», sagt sie.

Es gebe viele Palästinenserinnen und Palästinenser in ihren Dreissigern oder Vierzigern, die besser wüssten, was in der Welt passiere und qualifizierter seien. Dass Abbas keinem Jüngeren Platz machen will, findet sie unfair.

Mann mit Gesichtmaske zwischen zwei Palästinaflaggen.
Legende: Der langjährige Präsident Mahmud Abbas mit seinen 85 Jahren sollte Jemand Jüngeren Platz machen, finden einige. Reuters

Kein Platz für Junge

Der nur wenig ältere Student Ahmad, der ebenfalls im Westjordanland wohnt, drückt seine Enttäuschung darüber noch deutlicher aus: «Wir Jungen haben das Gefühl, dass man unsere Rechte gestohlen hat.» Die regierende Partei mache den Jungen keinen Platz, sie drohe ihnen sogar. «Sie liess durchblicken: Wer gegen den Präsidenten antritt, landet im Gefängnis.»

Faire Wahlen erwartet er also nicht. Er verweist auf die Parlamentswahlen vor 15 Jahren, als er noch ein Kind war. Damals habe die regierende Fatah-Partei den Sieg der islamistischen Hamas nicht akzeptiert und das Parlament einfach aufgelöst.

Ganz ähnlich klingt es im Gazastreifen. Der 28-jährige Mohammad ist dort Chef einer kleinen Firma. «Es gibt keinen Platz für uns. Manchmal gibt es bei Wahlen Frauenquoten. Es sollte aber auch eine Jugendquote geben.»

Nur jüngeren Politikern traut er zu, die israelisch-ägyptische Belagerung des Gazastreifens zu beenden und damit seiner Generation eine Perspektive zu geben. Aber die besten Listenplätze habe die alte Garde für sich reserviert.

Drei junge Frauen spazieren auf einer Strasse.
Legende: Die Jungen haben das Gefühl, dass man ihre Rechte gestohlen hat. Junge Frauen in Gaza-Stadt. Keystone

Etwas zuversichtlicher ist Nora. Sie lebt in Gaza und studiert Englisch. «Wir Jungen schauen den Wahlen optimistisch entgegen, und hoffen, dass sie die Spaltung der palästinensischen Parteien beendet. Denn wir bezahlen den Preis dafür: Über 50 Prozent von uns sind arbeitslos, 80 Prozent der Familien leben unter der Armutsgrenze und wir haben keine Bewegungsfreiheit.»

Hoffnung auf Zukunft

Die 20-Jährige ist überzeugt, nur wenn sich die beiden Parteien Hamas und Fatah versöhnen, werde sich in ihrem Leben etwas verändern. Die bevorstehenden Wahlen sind für sie ein Hoffnungsschimmer. «Ich bin glücklich, dass ich wie andere junge Menschen in der Welt wählen kann – und hoffentlich ab jetzt alle vier und nicht alle 10 bis 15 Jahre.»

«Ich will die beste, die richtige Person wählen können, die mir helfen wird, meine Zukunftsträume zu verwirklichen», sagt Nora. Dazu gehören Arbeit und ein unabhängiger und selbstbestimmter Palästinenserstaat – ohne Einmischung von aussen. Dass der bevorstehende Urnengang diese Träume nicht erfüllen wird, weiss die 20-Jährige aus Gaza. Bei ihren allerersten Wahlen überhaupt will sie die Hoffnung aber nicht gleich aufgeben.

Echo der Zeit, 19.02.2021, 18:00 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Phil Läubli  (Diplomatix92)
    Wahlen sind gut und recht.. aber dieses politische System hat faktisch nichts mit einer Demokratie zu tun.
    Da werden leider auch diese Wahlen nichts helfen, solange keine Partei gewählt werden kann, die Frieden mit Israel, der einzigen Demokratie im Nahen Osten, die den Namen auch verdient, anstrebt. Und dies wird leider, zumindest in naher Zukunft, bestimmt durch die zwei "einzigen" Parteien verhindert werden.
  • Kommentar von Reto Derungs  (rede)
    Toll, dass da etwas geht. Hoffen wir, dass ein Demokratisierungsprozess einsetzt. Viele Leute waren sich bis heute nicht bewusst, dass die "Palästinenser" seit vielen, vielen Jahren keinen legitimen Ansprechpartner haben. Aber ob es Frieden geben kann? Sowohl die Hamas als auch die Fatah anerkennen das Existenzrecht Israels nicht an. Beide wollen Israel von der Bildfläche verschwinden lassen. Hoffen wir, dass sich da junge, frische Kräfte in die Politik einmischen die Frieden wollen.
  • Kommentar von Urs Imboden  (Noba)
    Das passt zur Aussage von PLO-Führer Zuheir Mohsen aus dem Jahr 1977 „Das palästinensische Volk existiert nicht. Das Kreieren eines palästinensischen Staates ist nur ein Mittel um … unseren Kampf gegen Israel fortzusetzen. In Wirklichkeit gibt es keinen Unterschied zwischen Jordaniern, Palästinensern, Syrern und Libanesen. Nur aus politischen und taktischen Gründen sprechen wir heute von der Existenz eines palästinensischen Volkes“. Sehr gut, wenn endlich wieder einmal gewählt werden kann.