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Legende: Audio Unhaltbare Zustände im Flüchtlingslager auf Lesbos abspielen. Laufzeit 05:07 Minuten.
Aus Rendez-vous vom 29.08.2019.
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Flüchtlinge in Griechenland «Mütter müssen lange fürs Essen anstehen und gehen oft leer aus»

Auf den griechischen Inseln sind zurzeit über 22'000 Menschen interniert. Hauptursache ist die Verschiebung der Flüchtlingsrouten, nachdem Italien keine Boote mehr aus Libyen oder Tunesien landen lässt. In einem Flüchtlingslager auf Lesbos wurde am Wochenende ein Jugendlicher von einem anderen Insassen erstochen. Das Camp Moria beherbergt 8500 Menschen, das Vierfache der eigentlichen Kapazität.

Rodothea Seralidou

Rodothea Seralidou

Freie Journalistin

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Die Journalistin berichtet seit 2011 für SRF und ARD aus Griechenland. Sie lebt in Athen.

SRF News: Können die Menschen im überfüllten Lager auf Lesbos überhaupt versorgt werden?

Rodothea Seralidou: Nicht ausreichend. Es werden zwar dreimal täglich Mahlzeiten ausgeteilt, aber diese reichen nicht für alle. Die Menschen, darunter viele Frauen mit kleinen Kindern, müssen stundenlang anstehen und gehen trotzdem oft leer aus. Die Duschen und Toiletten sind ständig verdreckt. Das Reinigungspersonal kommt nicht nach. Tausende leben mangels Platz in Plastikzelten ums Lager herum in einem Olivenhain ohne Infrastruktur. Die Zustände über Monate hinweg sind für die vielfach traumatisierten Menschen eine enorme zusätzliche Belastung.

Zeltlager ausserhalb des Flüchtlingslagers Moira auf der griechischen Insel Lesbos.
Legende: Zeltlager ausserhalb des Flüchtlingslagers Moira auf der griechischen Insel Lesbos. Reuters/Archiv

Gibt es für die hohen Interniertenzahlen noch andere Gründe als die Verschiebung der Flüchtlingsrouten?

Es war zwar wegen des guten Wetters im Sommer zu erwarten, dass wieder mehr Menschen auf den Inseln ankommen. Dass so viele kamen, hat aber auch andere Gründe. Dazu gehören die zurzeit schlechten Beziehungen zwischen der Türkei und der EU, unter anderem wegen der türkischen Probebohrungen in den Gewässern von Zypern.

Die türkische Regierung könnte die Flüchtlingskarte ausspielen, um Druck auszuüben. Sie drohte in letzter Zeit wiederholt, Flüchtlingsboote nach Griechenland zu lassen. Ausserdem hat die Türkei begonnen, Flüchtlinge aus Istanbul umzusiedeln. Es kursieren Gerüchte, dass Ankara Flüchtlinge in ihre Heimatländer abschieben will. Ein möglicher weiterer Grund, dass vermehrt Menschen die Überfahrt wagen.

Funktioniert der EU-Türkei-Deal zur Rückführung von Griechenland in die Türkei nicht?

Das ist so. Denn jeder ankommende Migrant hat das Recht, einen Asylantrag zu stellen. Allein dieses Verfahren dauert aber Monate. Bis zum Asylbescheid können Jahre vergehen. Die meisten Migranten sind nun mal aus Syrien und Afghanistan, haben also sehr gute Chancen auf Asyl. In den über drei Jahren seit Inkraftsetzung des EU-Türkei-Deals wurden nur 2000 Menschen zurück in die Türkei gebracht.

Wie will die neue konservative griechische Regierung die Schraube im Umgang mit den Asylbewerbern anziehen?

Migration wird schon in der Rhetorik der neuen konservativen Regierung als Gefahr für die nationale Sicherheit gesehen. Sie hat die Flüchtlingspolitik dem Ministerium für Bürgerschutz und der griechischen Polizei unterstellt. Ankommende Flüchtlinge erhalten zurzeit keine Sozialversicherungsnummer mehr. Erst diese Woche hat die Polizei besetzte Häuser in den Athener Innenstadt geräumt, angeblich wegen Kriminalität. Mütter mit Babys und Kleinkindern wurden in Busse gebracht und werden jetzt auf Lager verteilt.

Die Zustände im Zeltlager ausserhalb des Flüchtlingslagers Moria sind prekär.
Legende: Die Zustände im Zeltlager ausserhalb des Flüchtlingslagers Moria sind prekär. Reuters/Archiv

Steht die Bevölkerung hinter dem härteren Durchgreifen?

Ein Grossteil der konservativen griechischen Wählerinnen und Wähler steht dahinter. Für sie sind Flüchtlinge und Migranten eine Bedrohung für den Zusammenhalt des Staates und der griechischen Gesellschaft. Zugleich kritisieren Menschenrechtsorganisationen, Flüchtliche dürften nicht wie Kriminelle behandelt werden.

Das Gespräch führte Daniel Hofer.

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