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Iranerinnen in der Schweiz «Ich bin hoffnungsvoller als je zuvor»

Zwei in der Schweiz lebende Iranerinnen blicken mit Sorge, aber auch mit neuer Hoffnung auf die Angriffe gegen den Iran.

Negin Winkler

Physikerin und Aktivistin

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Negin Winkler ist Mitbegründer der Organisation «Stimme iranische Frauen Schweiz». Sie ist im Iran geboren und seit 7 Jahren in der Schweiz. 

Saghi Gholipour

Politologin und Aktivistin

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Saghi Gholipour ist Politologin und Mitgründerin der Organisation «Free Iran Switzerland». Ihre Familie floh in den 1980er Jahren aus dem Iran in die Schweiz.

SRF: Wie haben Sie von den Angriffen erfahren und was waren Ihre Gedanken?

Negin Winkler: Ich wurde von einem Anruf meines Vaters in Teheran geweckt. Er war auf der Dachterrasse mit Nachbarn. Ich war geschockt: Du weisst, dein Land wird gerade angegriffen und dein Vater ist auf dem Dach. Sie haben sich dort versammelt, um die Angriffe live zu sehen. Sie wussten, dass es in erster Linie offizielle Gebäude treffen würde.

Mein Vater will in Teheran bleiben, damit er dort ist, wenn die Menschen auf die Strasse gehen.
Autor: Negin Winkler

Saghi Gholipour: Ich mache mir grosse Sorgen um meine Familie und Bekannten. So banal es klingt: Krieg bedeutet Leid und Zerstörung für die Menschen. Ich habe mir die Rede von Trump angehört. Es ist klar, dass es ihm primär um US-Interessen geht, um das iranische Atomprogramm, um die amerikanische Sicherheit. Die Iranerinnen und Iraner stehen hier nicht im Vordergrund.

Was sagen Ihre Angehörigen im Iran?

Negin Winkler: Während der vergangenen Proteste waren die Stimmen aus dem Iran voller Trauer. Heute war der erste Tag, an dem ihre Stimmen glücklich und hoffnungsvoll klangen. Ich sagte meinem Vater am Telefon, er solle aus der Stadt fliehen, aufs Land. Er weigert sich. Er will in Teheran bleiben, damit er dort ist, wenn «die Menschen ihren Teil beitragen müssen». Er sagte zu mir: «Auf der Strasse kann ich mich vor die jüngeren Leute stellen.» Vor ein paar Stunden habe ich den Kontakt verloren, wahrscheinlich, weil die Verbindung abgeschaltet wurde.

Sie wissen nicht, ob sie dort von Regimeschergen getötet würden.
Autor: Saghi Gholipour

Saghi Gholipour: Meine Angehörigen aus Teheran berichten von grossen Explosionen praktisch überall in der Stadt. Wir hören, dass die Menschen die Läden stürmen, um ausreichend vorzusorgen. Es ist besorgniserregend. Vor allem wenn man weiss, dass es keine Schutzmöglichkeiten gibt für die Bevölkerung. Das Regime hat zwar gesagt, dass man sich in den Parkhäusern verstecken könnte. Aber die Menschen wissen erstens nicht, wie sicher diese Parkhäuser sind, und zweitens wissen sie auch nicht, ob sie dort von Regimeschergen getötet würden.

Protest vor iranischer Botschaft in Bern

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Protestierende mit Flaggen und Plakaten auf der Strasse.
Legende: SRF

Vor der iranischen Botschaft in Bern demonstrierten heute Nachmittag rund 150 bis 200 Personen. Sie zeigten sich erleichtert über den Militärschlag und protestierten gegen das Regime in Teheran. Die Botschaft wurde abgeriegelt.

Wie wird die Bevölkerung nun reagieren? 

Negin Winkler: Die Mehrheit hat sich darauf geeinigt, den Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, für eine Übergangszeit zu akzeptieren. Viele Menschen hören auf ihn. Bevor das Internet abgeschaltet wurde, sagte er, man solle in den Häusern bleiben. Es werde Zeichen geben, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen sei, um auf die Strasse zu gehen.

Saghi Gholipour: In letzter Zeit habe ich immer wieder gehört: «Wir haben alles versucht. Wir brauchen vielleicht doch Unterstützung von aussen.» Das zeigt die absolute Verzweiflung der Menschen, dass sie bereit sind, einen Krieg in Kauf zu nehmen, den sie nicht befürworten. Nun sehen wir Leute, die jubeln, die sich eine Erlösung nach 47 Jahren Terrorherrschaft herbeisehnen.

Was hoffen Sie für den Iran? 

Negin Winkler: Die Menschen kämpfen für das Recht, ein normales Leben zu führen – so wie die Menschen in der Schweiz. Sie wollen keine Feinde irgendeines Landes auf dieser Welt sein. Ich bin dieses Mal viel hoffnungsvoller als je zuvor. Denn selbst nicht‑traditionelle Unterstützer von Pahlavi stehen hinter seinen Übergangsplänen. Was die Rechte der Frauen betrifft, bin ich absolut überzeugt, dass sich die Situation deutlich verbessern würde.

Saghi Gholipour: Ich hoffe, dass der Krieg so schnell wie möglich beendet wird, dass die Menschen zu dem kommen, was sie wollen: Freiheit, Demokratie und ein Leben in Würde. 

Die Gespräche führte Leonard Flach.

Tagesschau Spezial, 28.02.2026, 13 Uhr ; 

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