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«Wir haben es mit einem typischen Kolonialkrieg zu tun»
Aus Echo der Zeit vom 12.04.2022.
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Krieg in der Ukraine Zwang zur brüderlichen Einigkeit, die es nicht gibt

Seit sieben Wochen führt Russland Krieg gegen die Ukraine. Der Konflikt zwischen Russen und Ukrainern ist aber viel älter – und er geht sehr tief, wie der ukrainische Autor Jurko Prochasko sagt.

Jurko Prochasko ist einer der wichtigsten ukrainischen Intellektuellen. Er ist nicht nur Schriftsteller, Übersetzer und Germanist, sondern auch Psychoanalytiker. Zum russischen Vorgehen gegen die Ukraine sagt er: «Das ist die Logik eines eingebildeten Vergewaltigers, der zuerst versucht, das Opfer davon zu überzeugen, dass er geliebt werden muss. Wenn dieses sagt, ich liebe dich nicht und will mich nicht mit dir verbinden, dann versucht er, die Liebe mit Gewalt zu vollziehen.»

Russlands Angriffskrieg als brutaler Übergriff – mit psychologischen Faktoren als Brandbeschleuniger. Die russische Führung, diagnostiziert Prochasko, leide an einem bösartigen Narzissmus. Die Russen, oder «Grossrussen», wie Prochasko sie nennt, reagierten mit Wut auf die ukrainische Zurückweisung. «Sie können es überhaupt nicht kapieren, wieso wir immun sind gegen alle Verführungen dieser imperialen Grösse, auf die sie völlig fixiert sind – und das macht sie wütend.»

Putins Russland reagiert gekränkt

Das sei ein hoch kränkender Faktor, ist Prochasko überzeugt: «Dass sie gekommen sind, uns die Partizipation an dieser Grösse anbieten und wir diese höflichst ablehnen.» Russland, das Imperium, verstehe die Ukraine nicht. Das liege auch an den riesigen Unterschieden zwischen den zwei Völkern. Als wichtiges Merkmal des ukrainischen Selbstverständnisses macht Prochasko aus, «dass wir all das, was hier ist, als unser eigenes betrachten. Das haben wir aufgebaut, das ist uns etwas wert, das gehört uns. Und das sind wir bereit zu verteidigen.»

 Archivbild Universität von Lviv
Legende: Jurko Prochasko, heute 51 Jahre alt, studierte an der Universität von Lviv (im Bild) Germanistik, als 1991 die Sowjetunion zerfiel und die Ukraine unabhängig wurde. imago images

Die Ukraine ist demnach eine Nation von Citoyens, von Bürgerinnen und Bürgern. Russland dagegen bleibt tief geprägt von seiner imperial-autoritären Tradition. Er erklärt das so: «Viele Russen verstehen nicht, ob ihr Land ihres ist oder Putins – und ob es ihres ist oder das des Zaren.»

Prochaskos Ansatz erklärt, warum die Ukrainer ihr Land so tapfer verteidigen. Und auch, warum die russischen Truppen mit so grausamer Wut darauf reagieren, dass sich die Ukrainer nicht ergeben. Die toten Zivilisten von Butscha und das zerbombte Mariupol sind Opfer der Wut.

Ein Imperium versucht, seine ehemalige Kolonie bei sich zu behalten.
Autor: Jurko Prochasko Schriftsteller, Übersetzer und Germanist und Psychoanalytiker

1991 zerfiel die Sowjetunion, die Ukraine wurde unabhängig. Die Ukrainer hatten endlich ihren eigenen Staat, nach dem sie über Jahrhunderte unter polnischer, österreichischer und russischer Herrschaft gelebt hatten.

Den aktuellen Krieg sieht er deshalb als Kolonialkrieg – ähnlich wie einst, als auch der Zerfall des britischen Imperiums blutig ablief. «Das, was jetzt hier geschieht, ist auch ein typischer Kolonialkrieg. Ein Imperium versucht, seine ehemalige Kolonie bei sich zu behalten.»

Ukraine fühlt sich dem Westen zugehörig

Dabei habe sich die Ukraine längst losgesagt von Moskau. Nicht einmal eine Brückenfunktion zwischen Ost und West komme für das Land noch infrage. «Für uns ist schon lange entschieden, dass wir zum Westen dazugehören und die Rolle einer Brücke ist uns endgültig verleidet.» Präsident Wladimir Putin hatte mehrfach behauptet, Russen und Ukrainer seien ein Volk. Dann hat er die Ukraine mit Krieg überzogen.

Was für eine schreckliche Anmassung eines Herrschers, der seine Nachbarn mit Gewalt in eine brüderliche Einigkeit zwingen will, die es nicht gibt, und der mit seiner Hybris alle Verbindungen zwischen den Völkern zerstört. Prochasko sagt: «Angeblich stehen 71 Prozent hinter Putin und verspüren keine Scham, sondern Stolz auf diesen Krieg. Für diese Feinde, diese Grossrussen, habe ich nicht einmal Hass übrig, sondern noch etwas viel, viel Schlimmeres: Verachtung.»

Echo der Zeit, 12.04.2022, 18:00 Uhr

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