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Viele nehmen jetzt wieder den illegalen Weg in die USA
Aus SRF 4 News aktuell vom 29.03.2021.
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Migrationskrise in den USA «Harris wird alles tun, damit die Migrantenzahlen rasch sinken»

An der US-Südküste herrsche eine gewaltige Migrationskrise, ist in den Medien zu lesen. Der USA-Korrespondent von Radio SRF, Matthias Kündig, war in Brownsville (Texas) und in der benachbarten mexikanischen Grenzstadt Matamoros. Was er gesehen hat, berichtet er hier.

Matthias Kündig

Matthias Kündig

USA-Korrespondent, SRF

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Matthias Kündig berichtet seit Herbst 2018 aus Miami über die USA, Mexiko, Zentralamerika und die Karibik. Davor war er Produzent beim «Echo der Zeit» und Sonderkorrespondent in Ägypten. Kündig studierte an der Universität Bern Geschichte und Politologie.

SRF News: Ist der Andrang von Migrantinnen und Migranten in Texas wirklich so gewaltig ist, wie das in den Medien berichtet wird?

Matthias Kündig: Tatsächlich ist die Zahl der Migranten, die vom US-Grenzschutz angehalten werden, am Steigen. Doch das ist nicht sichtbar. Die Vorstellung, dass Horden von Migrantinnen und Migranten die Grenze stürmen, entspricht nicht der Realität.

Hier hatten kürzlich Menschen den Rio Grande überquert.

Ich fuhr dem Rio Grande entlang von Brownsville nach McAllen – und habe dort nirgends jemanden beobachten können, der die Grenze überquert hätte. Ich stiess an einigen Orten jedoch auf Plastiksäcke mit nassen Kleidern – ein Zeichen, dass hier kürzlich Menschen den Fluss überquert hatten.

Viele versuchen den illegalen Grenzübertritt

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Viele versuchen den illegalen Grenzübertritt

Derzeit können nur unbegleitete Jugendliche und einzelne Familien mit Kindern an der Grenze einen Asylantrag stellen. Alle anderen versuchen jetzt auf eigene Faust, in die USA zu gelangen. Weil derzeit die Kriterien aber nicht klar sind, wer in die USA hineingelassen wird, herrscht bei allen – auch bei Anwältinnen – grosse Verwirrung, was genau gilt. Offenbar will man verhindern, dass sich die Schlepper auf fixe Kriterien zur Einreise einstellen können. Denn: Als kürzlich bekannt wurde, dass unbegleitete Kinder und Jugendliche in den USA bleiben können, bis ihr Asylgesuch behandelt ist, stieg die Zahl solcher Asylgesuche sprunghaft an. Offenbar schickten an der Grenze wartende Familien einfach ihre Kinder alleine in Richtung USA los. (kuem)

In Matamoros wurde kürzlich ein überfülltes Flüchtlingslager aufgelöst – wo sind diese Menschen jetzt?

Seit Anfang Februar haben diese Migranten die Grenze in kleinen Gruppen offiziell überqueren können, um in den USA auf ihren Asylentscheid zu warten. Wer das noch nicht geschafft hat – oder später in Matamoros angekommen ist –, ist meist untergetaucht. Diese Menschen leben jetzt in den gefährlichen Gebieten am Rand der Stadt, oder sie verstecken sich irgendwo im Umland im Freien.

Die mexikanischen Behörden gehen sehr ruppig mit den Migranten um.

Das macht es den Hilfswerken sehr schwierig, ihnen Hilfe zu leisten und sie zu versorgen. Die Migranten fürchten die mexikanischen Behörden, die sehr ruppig mit ihnen umgehen und alles dafür tun, dass die Migration in Matamoros nicht sichtbar ist.

In Brownsville sind kaum Migranten zu sehen

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In Brownsville sind kaum Migranten zu sehen
Legende: Warten am Busbahnhof in Brownsville auf die Weiterreise. Reuters

Wer es nach Brownsville in den USA geschafft hat, kann dort ein Asylgesuch stellen. Die Migrantinnen und Migranten werden administrativ erfasst und auf Vorstrafen überprüft. Auch wird abgeklärt, wohin sie weiterreisen – meist sind das Verwandte irgendwo in den USA. Danach werden sie beim Busbahnhof abgeladen, wo sich NGOs und die Stadtbehörden um sie kümmern. Sie werden auf Covid getestet und falls der Test negativ ist, in den entsprechenden Bus verfrachtet, der sie an ihr Ziel bringt. Weil das sehr professionell abläuft, sind im Stadtbild von Brownsville keine Migrantinnen und Migranten anzutreffen.

An den Busbahnhof werden auch jene gebracht, die ausgeschafft werden. Sie sind dann an Händen und Füssen gefesselt wie Schwerverbrecher. Die Fesseln werden ihnen erst kurz vor Besteigen des Busses nach Mexiko abgenommen. (kuem)

Dramatisieren die Republikaner die Lage, wenn sie von einer Migrationskrise an der US-Südgrenze sprechen?

Man muss differenzieren: Es gibt tatsächlich grosse Probleme bei der adäquaten Unterbringung von unbegleiteten Kindern und Jugendlichen. Es gibt zu wenig Personal und Unterkünfte, um sie rasch administrativ zu erfassen und sie zu Verwandten in den USA zu bringen.

Die Republikaner unterschlagen, dass Trump das Asylwesen völlig ausgehöhlt hat.

Doch klar ist auch: Von republikanischer Seite wird Stimmung gegen Präsident Joe Biden gemacht. Man gibt ihm die Schuld für die steigende Zahl an Menschen, die in die USA wollen. Doch sie unterschlagen dabei nicht nur, dass die Trump-Regierung das Asylwesen völlig ausgehöhlt und Probleme nicht gelöst hat, sondern auch, dass die Zahl der Ankommenden zur Zeit der Trump-Präsidentschaft zeitweise noch viel höher war als jetzt.

Militär und Beamte, aufgreiht.
Legende: Ein Vorgeschmack auf das Vorgehen der US-Regierung? Mexikanische Sicherheitskräfte formieren sich, um die Grenze zu Guatemala gegen Übertritte von Migrantinnen und Migranten abzusichern – damit diese gar nicht erst an der US-Grenze auftauchen. Reuters

Präsident Biden hat Vizepräsidentin Kamala Harris mit dem Migrationsdossier betraut. Wird sie es schaffen, an der Grenze ein geordnetes Asylverfahren einzuführen?

Es braucht zunächst mehr Unterkünfte und mehr Personal – das lässt sich wohl relativ rasch bewerkstelligen. Doch sie soll auch mit Mexiko und den Herkunftsländern zusammenarbeiten, damit nicht mehr so viele Menschen Richtung USA losziehen. Wie das geht, zeigt die Episode von letzter Woche: Da liess Mexikos Präsident auf einmal die Südgrenze zu Guatemala schliessen, im Gegenzug erhielt Mexiko mehrere Millionen Impfdosen aus den USA. Auch wenn beide Seiten einen Zusammenhang abstreiten – man kann sich denken, wo die Wahrheit liegt.

Mexiko schloss die Grenze zu Guatemala – und erhielt im Gegenzug Millionen Impfdosen aus den USA.

Harris wird alles versuchen, dass die Zahlen rasch sinken und das Migrationsproblem wieder aus den Schlagzeilen verschwindet. Es jedoch an der Wurzel zu packen, dass nicht mehr so viele Menschen aus Mittelamerika losziehen, ist eine Herkulesaufgabe, die mindestens eine Generation dauern wird.

Das Gespräch führte Barbara Büttner.

SRF 4 News aktuell vom 29.3.2021, 10.45 Uhr;

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Hanspeter Flueckiger  (Hpf)
    Wenn Sie Herrn Trump nicht zur Wiederwahl verhelfen will, muss sie das wohl tun. Wenn auch contre coeur.
  • Kommentar von Walter Matzler  (wmatz)
    Es ist auf der ganzen Welt dasselbe. Anstatt anzupacken dass es im eigenen Land besser wird, machen sich Menschen aus armen Ländern auf den Weg mit der Hoffnung, dass es ihnen in einem reicheren Land automatisch besser geht. Sie blenden aus, dass sie auch dort zumeist zu den Armen gehören werden. Das viele Geld das für die Abwehr von Migranten eingesetzt wird, wäre vermutlich viel besser investiert, wenn man in den Herkunftsländern Projekte mit Perspektiven unterstützen würde.
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Diese Migranten sind bedauernswerte Menschen. Sie fallen der Kluft Reich-Arm zum Opfer - ein weltweites Problem. Und hier erweisen sich viele Republikaner als unbarmherzig - von ihrem sicheren Villasitz aus.
    1. Antwort von Walter Matzler  (wmatz)
      Nicht nur die Republikaner, auch bei uns könnten viele teilen und hätten immer noch genug zum Leben. Aber wir wissen alle nicht, was morgen ist. Vielleicht stehen wir plötzlich selber auf der Strasse und sind dann froh, dass wir unsere Batzen nicht verschenkt haben. Darauf, dass uns die Millionäre dann durchfüttern würden, können wir vergebens hoffen. Die würden uns eher noch den letzten Batzen wegnehmen. So leider funktioniert unsere Welt.