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«Die Staatsmacht kann den Aufstand nicht sofort stoppen»
Aus HeuteMorgen vom 11.08.2020.
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Nach Wahlen in Weissrussland «Die Proteste haben Züge eines Volksaufstandes»

In Weissrussland wird weiter gegen die Wiederwahl Alexander Lukaschenkos protestiert. Die zweite Nacht in Folge gehen in der Hauptstadt Minsk und im ganzen Land tausende Menschen auf die Strasse. Dabei werden die Auseinandersetzungen zunehmend gewalttätiger.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Was weiss man genaueres über die Proteste?

David Nauer: Die Informationslage ist relativ schwierig. Aber was man sagen kann ist, dass die Proteste inzwischen sehr dezentral sind. In Minsk etwa sind Menschen in allen Stadtteilen auf die Strasse gegangen. Die Leute sind entschlossener als noch die Nacht zuvor, sie bauen Barrikaden und schiessen zum Teil auch Feuerwerk auf die Polizei ab.

Es sind paramilitärische Truppen im Einsatz, die sehr brutal gegen die Demonstrierenden vorgehen.

Es gibt auch Szenen, wo Polizisten regelrecht davongejagt wurden. Es gibt also eine gewisse Radikalisierung und Gewaltbereitschaft bei den Demonstrierenden. Aber auch die Polizei, die mit der Gewalt angefangen hat, rüstet auf. Inzwischen sind paramilitärische Truppen im Einsatz, die sehr brutal gegen die Demonstrierenden vorgehen.

Lukaschenkos Gegenspielerin war Swetlana Tichanowskaja. Diese ist am Tag nach der Wahl verschwunden. Was ist passiert?

Es ist eine ziemlich verwirrliche Geschichte, die sich inzwischen geklärt hat. Sie ist aus Weissrussland geflohen und befindet sich in Litauen. Das hat der litauische Aussenminister bekannt gegeben. Offenbar hat sie sich nicht mehr sicher genug gefühlt. Was die genauen Umstände der Flucht sind, wissen wir aber noch nicht.

Tichanowskaja hatte nach der Wahl eine zurückhaltende Strategie, sie hat nicht direkt zu Demonstrationen aufgerufen. Wohl, weil sie wusste, dass sie dafür sofort festgenommen würde. Sie versuchte aber, sich auf gerichtlichem Weg gegen Wahlfälschungen zu wehren und ging am Montag in die Wahlkommission, um eine Beschwerde einzureichen. Danach ist sie für mehrere Stunden verschwunden. Es gab Gerüchte, sie werde festgehalten.

Wie sind die Proteste organisiert?

Es fehlt eine zentrale Organisation. Die Polizei kann nicht einen Anführer verhaften und dann fällt alles in sich zusammen. Aber es ist natürlich auch ein Nachteil, weil es an einer straffen Struktur und einer klaren Strategie fehlt. Immerhin gibt es eindeutige Forderungen: Die Demonstrierenden verlangen, dass alle politischen Gefangenen freigelassen werden – das sind inzwischen Tausende. Und sie fordern faire und demokratische Neuwahlen.

Telegram als wichtiger Kommunikationskanal

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Weil die Regierung in Belarus das Internet zeitweise ausschaltet, ist die Kommunikation für die Demonstrierenden ein grosses Problem. Gewisse Seiten wie Youtube sind permanent blockiert. Die Menschen organisieren sich mehrheitlich über die App Telegram. Diese ist verschlüsselt und deshalb «ziemlich autokratensicher», sagt Nauer: Viele Aktivistinnen und Aktivisten in Osteuropa haben die Erfahrung gemacht, dass man sich auf Telegram verlassen kann, wenn man sich gegen eine autoritäre Staatsmacht engagiert.»

Die Demonstrationen sind nicht organisiert, aber doch im ganzen Land vorhanden. Ist es ein Aufstand – und wenn ja, kann man ihn noch stoppen?

Es hat Züge eines Volksaufstandes, der in vielem auch sehr spontan ist. Ich denke, die Staatsmacht kann den nicht sofort stoppen. Heute ist ein Generalstreik geplant, da wird wohl sehr wichtig sein, wie gross die Beteiligung ist. Ich bin in Moskau, weil ausländische Journalistinnen und Journalisten nicht nach Belarus einreisen dürfen. Deshalb ist es schwierig, die Kräfteverhältnisse zu beurteilen. Aber mir scheint, es gibt erheblichen Widerstand gegen das Regime einerseits. Andererseits hat Lukaschenko noch erhebliche Ressourcen auf seiner Seite – die gut ausgerüsteten Sondereinheiten sind zu allem entschlossen. Wie es weiter geht in Weissrussland, ist nicht vorherzusehen.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Video
Proteste gegen das Wahlergebnis in Weissrussland
Aus SRF News vom 10.08.2020.
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SRF 4 News, 11.8.2020, 7.40 Uhr;

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27 Kommentare

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  • Kommentar von Eva Werle  (Wishbone Ash)
    Man kann einem Volk, dass sich gegen ein autokratisches Regime wehrt, nur Erfolg wünschen. Und ich finde es auch schön, zu hören, dass Telegram in diesem Fall genutzt wird, demokratische Prozesse zu befeuern (es ist eben jedes Tool nur so gut wie das, wofür es genutzt wird). Allerdings lehrt die Geschichte, dass die Revolutuion ihre Kinder frisst und man noch nicht weiss, was nachkommt. Man ist versucht zu sagen, besser als Lukaschenko, aber man weiss es nicht.
    1. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Danke für Ihren treffenden Kommentar, Frau Werle. Aufstehen gegen autokratische Regime ist ein Gebot der Stunde. Nur Mut, ihr Demonstrierenden. Ich bin in Gedanken ganz auf eurer Seite!!
    2. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Waldmann: Sie sind also der Meinung, das Regime in Minsk sei demokratisch legitimiert?
    3. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Waldmann: bekannt ist, dass ein Demonstrant durch eine Granate getötet wurde, ein anderer von einem Lastwagen überfahren und ein dritter zu Tode geprügelt wurde. Ein Schweizer wurde festgenommen und es konnte kein Kontakt mit ihm aufgenommen werden.
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Ich stehe innerlich ganz auf der Seite des protestierenden Volkes. Es möge sich von den unmenschlichen Unterdrückungspraktiken von Lukaschenko lösen. Was ich mir wünschte, wäre, dass es den Protestierenden gelingen würde, die Polizei (gewaltlos) auf ihre Seite zu bringen. Dieser sklavische Gehorsam der Polizei ist auch nicht zielführend; denn sie gehören letztlich auch zu den Unterdrückten. Allseitige Befreiung ist angesagt!! Also, wie man im Berner Oberland sagt: „Z‘ Spiel chehre!!“
    1. Antwort von Eva Werle  (Wishbone Ash)
      Herr Waldmann, ich nehme an, Sie spielen mit Ihrer Aussage, dass "Frau Merkel eine demokratische Wahl nicht akzeptiert" auf das thüringische Ränkespiel von AfD und FDP an?
      Dann scheinen Sie hier wohl den Beweis antreten zu wollen, dass AfD-Anhänger und Corona-Leugner doch eine Schnittmenge haben. Oder wie soll man Sie verstehen?
    2. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Herr Waldmann: Einer Polizei, die ein Gewaltregime unterstützt, braucht man nicht unbedingt zu gehorchen; allerdings geht es auch nicht, mit Gewalt gegen diese zu handeln. Aber die meisten Demonstranten treten ja auch ohne Gewalt auf. Es geht darum, der Freiheit und Menschlichkeit das Wort zu reden.
    3. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Waldmann: Sie würden also durchaus akzeptieren, dass Demonstranten von den weissrussischen Organen unzimperlich "behandelt" würden?
  • Kommentar von Sebastian Demlgruber  (SeDem)
    Das ist jetzt schon blöd für Putin. Klar hat er Lukaschenko artig zum „Wahlsieg“ gratuliert. Aber was ist ein Bündnis mit einem derart schwachen Herrscher noch wert, der sich nur noch mit Gewalt halten kann? Zudem ist Belarus kulturell noch eng mit Russland verbunden - aber die Entfremdung hat schon begonnen und wird jetzt stark zunehmen, wenn Putin Lukachenko stützt. Wie zuvor in der Ukraine: Einst nur Russlands Brudervolk, jetzt auch durch Putins Aggression zur eigenständigen Nation gereift.
    1. Antwort von Alexander Weljaminoff  (AndererMeinung)
      Aprops: Der Kreml wird es nie zulassen, das Bielorus eine Regierung bekommt, die eventuell mit dem Westen liebäugelt, und es zulassen könnte, dass westliche Waffen direkt an der Grenze Russlands stationiert werden. Das ist das Einzige, was wirklich klar ist. Die Geschichte mit den verhafteten russischen "Söldnern" könnte auch von Lukas. u. Putin e.inszeniertes grosses Theater gewesen sein. Übrigens ist Frau Tichanovskaya keine Politikerin, sie ist die Frau eines verhafteten Oppositionsbloggers.
    2. Antwort von Eva Wädensweiler  (E. W.)
      Nun ja, A. W. doch irgendwie auch verständlich. Man denke an alle die vielen Raketenbasen der NATO überall russischer Grenzen entlang.
      Eine Drohkulisse aufgebaut, welche am Ende "nur" uns Europäern schadet. Auch im Wertewesten ist nicht alles Gold was glänzt.
      Und eigentlich sind alle diejenigen, welche ständig ein Feindbild brauchen "indoktriniert".
      Aber eben:" Der Mensch kann nicht in Friede leben, wenn es dem guten Nachbarn nicht gefällt."