Der Iran-Krieg geht in die siebte Woche. Denkfabriken wie das Institute for the Study of War, aber auch die UNO ziehen erste Bilanzen zur Kriegführung und ihren Folgen für die Menschen in der Konfliktregion. SRF-Korrespondent Fredy Gsteiger fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen.
Wie hoch sind die Opferzahlen in den Ländern?
Zumindest die Grössenordnungen kennt man. So sprechen Denkfabriken von etlichen tausend Toten. Die UNO-Weltgesundheitsorganisation WHO nannte vor wenigen Tagen die Zahl von 4100 Todesopfern und 45'000 Verletzten. Davon entfiel der grösste Teil auf den Iran, wo laut WHO bisher 2400 Menschen getötet wurden.
Im Libanon, wo Israel gegen die Terrormiliz Hisbollah mit äusserster Härte vorgeht, waren es 1700, im Irak knapp 200 Tote, in den Golfstaaten und in Israel jeweils mehrere Dutzend. 13 Todesopfer, alles Soldaten, haben die USA zu beklagen. Im Iran wurden bei den Angriffen laut dem US-Strategieinstitut CSIS rund 250 politische, religiöse oder militärische Führungsfiguren getötet.
Wie intensiv gestaltet sich der Luftkrieg im Iran bis jetzt?
Es ist einer der intensivsten Luftkriege seit langer Zeit. Die USA und Israel haben bisher mehr als 23'000 Ziele im Iran angegriffen. 13’000 die USA, 10’000 Israel. Zunächst galten die Angriffe fast ausschliesslich der militärischen Infrastruktur – etwa Raketenabschussrampen, dem Führungspersonal des Regimes oder Installationen des Nachrichtendienstes. Dabei gab es auch gravierende Fehlschläge wie die Bombardierung einer Mädchenschule, die rund 170 Opfer forderte.
Später weiteten die USA und Israel die Angriffe aus auf Rüstungsbetriebe, aber auch auf zivile Ziele: auf Fabriken, die Energieinfrastruktur oder Transportwege wie Eisenbahnlinien. Der Iran wiederum startete gegen 5000 Drohnen- und fast 1900 Raketenangriffe – auf insgesamt mehr als ein Dutzend Länder, von Zypern über Aserbaidschan bis Oman.
Der Unterschied: Während die meisten amerikanischen und israelischen Abschüsse ihre Ziele trafen, wurden von den iranischen die grosse Mehrheit abgefangen, nämlich um die 90 Prozent. Das erklärt auch die weit auseinandergehenden Opferzahlen. Der Iran hat praktisch keine Mittel mehr zur Verteidigung gegen Angriffe aus der Luft, Israel und die Golfstaaten hingegen waren bisher imstande, die meisten Drohnen und Raketen abzufangen.
Wie viele Menschen sind auch indirekt vom Iran-Krieg betroffen?
Entsprechende Zahlen hat die UNO heute veröffentlicht. Hier geht es zwar nicht um Tote und Verletzte, aber um Menschen, die akut in humanitäre Not geraten als Folge des Krieges. Das UNO-Entwicklungsprogramm UNDP befürchtet in einem heute veröffentlichten Bericht, dass die Folgen des Iran-Krieges mehr als 30 Millionen Menschen in die Armut treiben könnten. Und zwar nicht nur in Ländern im Nahen Osten, die von den Kriegshandlungen direkt betroffen sind, sondern auch in Regionen, die weit weg sind. Dort vor allem in ohnehin armen Staaten, die stark von Energieimporten abhängig sind.