Erst die Bomben, dann die Ansage: Als die USA und Israel vor bald drei Monaten die Führungsriege des Iran mit Luftschlägen töteten, blickte Donald Trump bereits in die Zukunft.
«Vielleicht wäre es am besten, wenn jemand aus dem Innern des Regimes die Macht übernehmen wird», erklärte der amerikanische Präsident im Oval Office. «Die meisten Leute, an die wir dachten, sind allerdings tot.»
Mit einer prominenten Ausnahme. Wie die «New York Times» (NYT) berichtet, sollen USA und Israel eine bemerkenswerte Personalie als künftigen Machthaber ins Auge gefasst haben: Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschad – im Westen auch bekannt als der «Irre von Teheran».
Demnach bestätigten US-Regierungsvertreter gegenüber der NYT, dass Ahmadinedschad über entsprechende Pläne im Bilde gewesen sei.
Zum Zeitpunkt der amerikanisch-israelischen Angriffe befand sich der 69-Jährige offenbar unter Hausarrest. Mit einem Luftschlag auf sein Wohnhaus hätte er gemäss dem Bericht befreit werden sollen.
Hardliner und Holocaustleugner
Ziel des Angriffs waren Sicherheitskräfte, die den Ex-Präsidenten bewachten. Der Plan ging schief: Ahmadinedschad selbst soll verwundet worden sein. Über seinen Aufenthaltsort und Gesundheitszustand gibt es keine gesicherten Informationen.
Mein erster Gedanke? Das kann eigentlich nur Satire sein.
Leugnung des Holocaust, Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel, massive Beschleunigung des Atomprogramms: Als Präsident verkörperte Ahmadinedschad so ziemlich alles, was die USA und Israel als Gründe für den Krieg gegen den Iran anführen.
Karin Senz hat jahrelang für die ARD über den Iran berichtet. Ihr erster Gedanke, als sie den Bericht der NYT gelesen hat: «Das kann eigentlich nur Satire sein.»
«Befremdliche» Wahl
Für weit nachvollziehbarer hätte sie es gehalten, wenn die USA einen Plan für die Einsetzung von Reza Pahlavi gehabt hätten, den Sohn des Schahs. «Er ist berechenbar, hat Unterstützer im Iran und auch bei wichtigen Exil-Iranern. Aber Ahmadinedschad? Das klingt schon sehr befremdlich.»
Während seiner zweiten Amtszeit verlor Ahmadinedschad die Rückendeckung von Revolutionsführer Ali Chamenei. Danach wurde er zunehmend marginalisiert. In den letzten Jahren äusserte Ahmadinedschad offen Kritik an Führungspersönlichkeiten des Regimes und prangerte Korruption und Misswirtschaft im Land an.
Volksnähe als Markenzeichen
Der Sohn eines Schlossers, der sich zum Ingenieur und schliesslich Präsidenten hocharbeitete, knüpfte damit an seine politischen Anfänge an: «Damals inszenierte er sich als Anwalt der einfachen Leute und Kämpfer gegen die korrupte Elite», sagt Iran-Kennerin Karin Senz. «Diese Bescheidenheit hat er auch als Präsident zelebriert.»
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Bild 1 von 3. Weisses Hemd statt traditionelles Gewand, Mittelklassewagen statt Staatskarosse: Präsident Ahmadinedschad (hier im Jahr 2005) präsentierte sich als Mann des Volkes. Bildquelle: Getty Images/Mohsen Shandiz.
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Bild 2 von 3. Vom Anhänger des Regimes zum Störfaktor: Seit seiner Präsidentschaft hat sich Ahmadinedschad stark gewandelt. Auch Richtung Washington gab er sich zunehmend kompromissbereit. 2024 wurde Ahmadinedschad vom Wächterrat als Kandidat für die Präsidentschaftswahlen ausgeschlossen. Bildquelle: Getty Images/Madjid Saeedi.
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Bild 3 von 3. Während Trumps erster Amtszeit lobte Ahmadinedschad den US-Präsidenten als «Mann der Tat». 2024 zeigte er sich offen für eine Verbesserung der Beziehungen zu den USA unter Trump. «Womöglich hat sich der US-Präsident davon aufs Glatteis führen lassen», schätzt Senz. «Denn Ahmadinedschad ist eine sehr wandelbare und unberechenbare Person.» . Bildquelle: Keystone/AP/Vahid Salemi.
Wie die NYT schreibt, soll die US-Regierung dem einstigen Hardliner zugetraut haben, den Iran wirtschaftlich, politisch und sozial zu stabilisieren.
«Aber wie hätte das gelingen sollen?», fragt Senz. «Ein iranischer Analyst hat mir geschrieben, dass Ahmadinedschad von kaum jemandem im Land ernst genommen wird.» Von vielen werde er als Grössenwahnsinniger, ja sogar als Schandfleck in der iranischen Geschichte gesehen.
Sollten die Enthüllungen zutreffen, zeige sich vor allem eines, schliesst die Journalistin: «Die USA und Israel wissen erstaunlich wenig über den Iran. Oder es handelt sich um einen gefakten Bericht, einen geschickten Schachzug des iranischen Regimes, um die USA und Israel blosszustellen.»