Die Entwicklungen im neusten Nahostkrieg verfolgt auch die Regionalmacht Türkei intensiv. Sie hat eine gemeinsame Grenze mit dem Iran und will nicht in den Krieg hineingezogen werden. Der in Istanbul lebende Journalist Thomas Seibert, erklärt, welches die Interessen der Türkei sind.
SRF News: Kann sich die Türkei aus dem Krieg heraushalten?
Thomas Seibert: Das glaube ich nicht. Zwar wird die Türkei im Moment nicht vom Iran angegriffen, anders als die Golfstaaten. Allerdings ist Erdogan klar, dass – wenn die ganze Region in Aufruhr gerät – sich auch die Türkei nicht heraushalten kann. Deswegen setzt er alles daran, dass der Krieg möglichst schnell beendet wird. Er hat mit Trump telefoniert. Er hat mit dem iranischen Präsidenten Massud Peseschkian telefoniert. Er hat seinen Aussenminister losgeschickt, um Kontakte zu knüpfen. Die Türkei ist im Moment nicht direkt involviert, aber heraushalten kann sie sich auch nicht.
Geht es um eine militärische Intervention der Türkei an der Grenze zum Iran?
Es gibt Gerüchte, dass die Türkei im Falle eines Aufstandes der iranischen Kurden eine Pufferzone auf der iranischen Seite der Grenze besetzen könnte, um ein Übergreifen eines kurdischen Konflikts auf die Türkei zu verhindern. Das wurde von der Regierung in Ankara bisher dementiert, aber die Gerüchte halten sich.
Über alle politischen Lager hinweg wird dieser Krieg als Werk von Netanjahu kritisiert.
Erdogan sagte, der Angriff auf den Iran verletze die iranische Souveränität. Heisst das, dass sich die Türkei eher aufseiten Teherans positioniert?
Auf jeden Fall. Erdogan legt in seiner Wortwahl grossen Wert darauf, den Iran nicht zu sehr zu kritisieren. Er wirft Israel vor, die USA in diesen Krieg hineingezogen zu haben. Das entspricht auch seinem Streben, sein gutes persönliches Verhältnis mit Donald Trump nicht aufs Spiel zu setzen und zeigt die öffentliche Stimmung in der Türkei. Über alle politischen Lager hinweg wird dieser Krieg als Werk von Netanjahu kritisiert. Erdogan versucht in dieser Situation, die türkischen Interessen zu wahren, indem er Israel kritisiert.
Wie wichtig ist der Iran für die Türkei?
Der Iran ist ein wichtiger Nachbar der Türkei, es gibt eine 500 Kilometer lange Grenze. Der Iran ist einer der wichtigsten Gaslieferanten für die Türkei. Der Krieg hat die Gas- und Ölpreise nach oben getrieben. Das ist schlecht für Erdogan, der in den nächsten anderthalb Jahren wählen lassen muss. Die Türkei steckt immer noch in einer Wirtschaftskrise. Hinzu kommt, dass die Iraner auch eine wichtige Touristengruppe in der Türkei sind. Wenn die Iraner nicht mehr in die Türkei in den Urlaub reisen, schadet das der türkischen Wirtschaft.
Befürchtet die Türkei eine Flüchtlingswelle aus dem Iran?
Bisher wird das offiziell heruntergespielt. Erdogan sagt, die Grenze sei sicher. Allerdings gibt es erhebliche Beschränkungen im Besucherverkehr an den drei Grenzübergängen zwischen dem Iran und der Türkei. Das liegt nicht nur an der Türkei, sondern auch am Iran.
Wenn das Regime in Teheran kollabieren sollte, würde sich die türkische Befürchtung bewahrheiten, dass die Israelis in der Region schalten und walten könnten, wie sie wollten.
Kann man zusammenfassend sagen: Die Türkei profitiert von einem schwachen Iran, aber der Iran soll stabil bleiben?
Das kann man so sagen. Die Schwächung des Irans durch den Gazakrieg, die Niederlage der Hamas im Gazakrieg, die Niederlage der Hisbollah im Krieg gegen Israel und der Umsturz in Syrien haben den Iran geschwächt – und der Türkei in die Karten gespielt. Wenn das Regime in Teheran kollabieren sollte, würde sich die türkische Befürchtung bewahrheiten, dass die Israelis in der Region schalten und walten könnten, wie sie wollten.
Das Gespräch führte Daniel Hofer.