Die Leiche der letzten der 255 Geiseln, die von der Hamas am 7. Oktober 2023 in den Gazastreifen entführt wurden, ist zurück in Israel. Es war dies eine wichtige Bedingung für die Waffenruhe, auf die sich Israel und die Hamas im letzten Oktober unter Druck der USA geeinigt hatten. Was das bedeutet, führt SRF-Auslandredaktorin Susanne Brunner aus.
Wie sind die Reaktionen in Israel?
Es ist ein kollektives Aufatmen – wie das Ende eines Alptraums. In den letzten zweieinhalb Jahren wirkte die Gesellschaft in Israel wie gelähmt, überall hingen Bilder der Verschleppten, Familienangehörige der Geiseln demonstrierten jede Woche dafür, dass die Regierung alles tue, um die Geiseln zurückzuholen. Die Schicksale der Geiseln waren omnipräsent in den Medien. Jetzt fühlt es sich an, als ob ein dunkles Kapitel zu Ende gegangen ist. Gleichzeitig ist klar: Es ist erst eines der Kapitel, das zu Ende ist. In Israel sind Soldatinnen und Soldaten omnipräsent, überall sieht man Aufkleber mit Bildern von gefallenen Soldaten. Und die Gespräche und Nachrichten drehen sich um die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Krieges mit dem Iran.
Wie geht es weiter für die Angehörigen von Verschleppten?
Viele haben mehr als zwei Jahre lang jede Woche demonstriert – sie sind müde. Ein Teil wird sich wohl von den Demonstrationen zurückziehen, auch wenn diese sicher weitergehen werden. Denn die Hauptforderung lautet, die Ereignisse vom 7. Oktober lückenlos aufzuklären: Warum war Israel dem Hamas-Angriff über Tage fast schutzlos ausgeliefert? Das ist ein Politikum – zumal dieses Jahr in Israel Parlamentswahlen anstehen.
Was bedeutet die Rückkehr der Überreste der letzten Geisel für den Waffenruhe-Plan?
US-Präsident Donald Trump hatte schon vor der Bergung der Überreste der letzten Geisel angekündigt, dass jetzt die Waffenruhe in die zweite Phase trete. Dabei geht es um eine Entwaffnung der Hamas, die Einsetzung einer Technokraten-Regierung für den Gazastreifen unter US-Kontrolle sowie den Beginn des Wiederaufbaus des Gazastreifens. Israels Premier Benjamin Netanjahu versprach jetzt zudem, dass der Grenzübergang vom Gazastreifen zu Ägypten in Rafah wieder öffnen werde. Davon erhofft man sich im Gazastreifen mehr Hilfsgüter, inklusive Baumaterial und Zelte. Die zweite Phase der Waffenruhe wird aber eine grosse Herausforderung, denn vieles ist noch unklar: Die Hamas ist immer noch da, Koalitionspartner von Netanjahu fordern die israelische Kontrolle über den Gazastreifen, und nur schon das Wegräumen der immensen Mengen an Schutt und nicht explodierten Bomben wird lange dauern. Geschweige denn ein Wiederaufbau.
Wie reagieren die Menschen im Gazastreifen?
Noch immer tötet die israelische Armee dort Menschen, von einer wirklichen Ruhe der Waffen kann man nicht sprechen. Weiterhin hat dort die Hamas Waffen und Kontrolle. Und wer nicht viel Geld hat, kann sich kaum das Nötigste für seine Familie leisten. Zudem: Die Zukunftsvision Trumps – Gaza als neue Riviera mit Hotels und Villen – ist für die palästinensische Bevölkerung nicht wirklich eine Zukunft. Sie rechnen vielmehr mit einem Leben unter Besatzung. Ausserdem trauen viele der Waffenruhe nicht.