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Westjordanland Das Freedom Theatre spielt weiter – trotz Krieg und Vertreibung

Ein kleines Theater im militärisch besetzten Gebiet lässt sich von Gewalt und Verhaftungen nicht zum Schweigen bringen.

Seit Jahrzehnten wachsen im Flüchtlingslager in Dschenin Kinder inmitten der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern auf. Trotzdem bringt sie das Freedom Theatre mit seinen Aufführungen immer wieder zum Lachen.

Das Theater wagt sich mit humorvoller Unerschrockenheit an jedes politische und gesellschaftliche Tabuthema. Die israelische Besatzung, militante Palästinenser, die palästinensische Führung: alle bekommen ihr Fett weg.

Dafür wird das Theater selbst wiederholt zur Zielscheibe. Aber nie so heftig wie ab Ende 2023. Die israelische Armee zerstört das Theater, vertreibt die gesamte Bevölkerung und nimmt den Theaterdirektor Mustafa Sheta fest.

«Die Soldaten kamen von allen Seiten, um mich zu verhaften: durch den Garten, sogar vom Dach, überall standen Jeeps: Ich kam mir vor wie ein gesuchter Top-Terrorist, wie Osama bin Laden», erklärt er mehr als zweieinhalb Jahre später, im Juni dieses Jahres.

Fünfzehn Monate verbringt Mustafa Sheta im Gefängnis. Und das Theater in Dschenin, das in den letzten zwanzig Jahren viele Angriffe überlebt hat, scheint am Ende. Doch dann blüht es wieder auf.

Unberechenbare Reisewege im Westjordanland

Die Reise nach Dschenin ist kein Spaziergang. Seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 hat Israel den Zugang zu palästinensischen Ortschaften im Westjordanland stark eingeschränkt: Soldaten und radikale Siedler haben Hunderte von Checkpoints und Strassensperren errichtet.

Mit einem israelischen Kennzeichen ist die Benutzung von Strassen zwar erlaubt, auf denen Palästinenser gar nicht fahren dürfen. Aber selbst mit solchen Privilegien verläuft eine Fahrt von A nach B im Westjordanland selten problemlos.

Nach dem ersten – unbemannten – Checkpoint von Ramallah Richtung Norden ist die Strasse kilometerlang beidseitig von israelischen Flaggen gesäumt.

Israel enteignet stetig mehr der 3.3 Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser und markiert seinen Alleinanspruch auf das Westjordanland. Mit Flaggen und Schildern wie «Der Messias kommt» oder «Wir sind nach Hause zurückgekehrt».

Mehr Siedlungen, Gewalt und Strassensperren: Auf der Fahrt von einer palästinensischen Ortschaft zur anderen gibt es mittlerweile so viele Hindernisse, dass sie ein Lokalradio in doppelter Geschwindigkeit aufzählt, um sie in einer Sendeminute unterzubringen.

Checkpoints, Gefahren, Umwege

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Dschenin liegt im nördlichen Westjordanland. Unter normalen Umständen würde man von der israelischen Stadt Nazareth aus 25 Minuten für die Fahrt rechnen, von Jerusalem aus via Ramallah etwa zwei Stunden.

Weil der Zugang zu Dschenin von Norden her oft geschlossen ist, bietet sich die Route via Ramallah an. Auch diese ist von Checkpoints umgeben, die ohne Vorwarnung geschlossen werden. In solchen Fällen müssen Umwege gefahren oder Wartezeiten in Kauf genommen werden.

Hinzu kommt: Dschenin war erst noch ein Kriegsgebiet, monatelang. Und jetzt baut die israelische Armee auf den Ruinen des Flüchtlingslagers, wo das Freedom Theatre war, eine Militärbasis – im Herzen der offiziell palästinensisch kontrollierten Stadt.

Man muss also mit allem rechnen – dennoch gelingt die Fahrt in zwei Stunden, ohne Zwischenfall.

Eine Stadt zwischen Alltag und Ausnahmezustand

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Dschenin liegt im nördlichen Westjordanland, das im UNO-Teilungsplan von 1947 als Teil eines palästinensischen Staates vorgesehen war. Nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg (bzw. Palästinakrieg) wurde Dschenin zunächst von Jordanien (damals Transjordanien) besetzt, ehe das Gebiet im Sechstagekrieg 1967 von Israel erobert und besetzt wurde. Als Folge des Oslo-Friedensprozesses wurde Dschenin 1996 eine autonome palästinensische Stadt.

Das Flüchtlingslager Dschenin wurde 1953 für Palästinenserinnen und Palästinenser gegründet, die im Zuge der Staatsgründung Israels aus ihren heimischen Dörfern fliehen mussten. Dschenin, insbesondere das Flüchtlingslager, das über Jahrzehnte zu einem Stadtteil heranwuchs, galten lange als Hochburg militanter palästinensischer Gruppierungen und als Brennpunkt des Nahostkonflikts. Die Stadt hat rund 70'000 Einwohner und Einwohnerinnen.

Dschenin, mit seiner historischen Altstadt, seiner grossen Universität und seinen vielen Cafés und Restaurants, wirkt friedlich und belebt.

Auf dem Weg zum früheren Theater biegt man in eine Strasse ab. Dort warnen ein paar Männer in einer improvisierten Kaffeebude: «Ins Lager gehen ist verboten! Es ist jetzt militärische Zone – die schiessen, wenn du weitergehst! Es hat überall Überwachungskameras!»

Der Kaffeebudenbesitzer und seine Kunden erzählen, wie sie geflüchtet seien vor den Angriffen und, dass sie alles verloren hätten – wie Tausende andere Bewohnerinnen und Bewohner des Lagers und seiner Umgebung auch. Das Lager gibt es heute nicht mehr. «Hinter dem Gebäude da liegt alles in Schutt und Asche.»

Besonders bitter sei es, dass die Palästinensische Autonomiebehörde den Israelis geholfen habe. Im Kampf gegen militante palästinensische Gruppierungen in Dschenin töteten Palästinenser auch einander.

Mit dem Ende des gesamten Flüchtlingslagers hatte niemand gerechnet. Und was ist mit dem Theater?

Von zerstörter Kindheit zur Theaterarbeit mit Kindern

Das neue Theater befindet sich etwas abseits des Zentrums, in einem unscheinbaren Bürogebäude. Neben dem Lift im Erdgeschoss führt ein schmaler Gang vorbei: zuhinterst leuchtet das verspielte Freedom-Theatre-Logo.

Ich wollte Kindern einen Freiraum geben, wo sie spielen, sich künstlerisch ausdrücken und Dampf ablassen können.
Autor: Raneen Leiterin Kinder- und Jugendabteilung am Theater

Eine quietschende schwarze Eisentür, dahinter eine zweite, halb offene Holztür. In einem hohen, kargen Saal macht Raneen mit rund einem Dutzend Kinder Theater. Die 33-Jährige leitet die Kinder- und Jugendabteilung des Freedom Theatre. Sie ist spezialisiert auf die Arbeit mit Kindern und kommt selbst aus Dschenin.

«Meine Kindheit bestand aus Krieg, Angst und Flucht. Eine zerstörte Kindheit. Ich wollte deshalb mit Kindern arbeiten, ihnen einen Freiraum geben, wo sie spielen, sich künstlerisch ausdrücken und Dampf ablassen können.»

Die Kinder haben ihr Zuhause verloren, viele auch Eltern, Geschwister und Freunde. Ihr Theater haben sie wieder. Ein sicherer Ort sei dieses aber auch nicht, sagt Raneen. Im Flüchtlingslager habe die Armee das Theater mehrmals gestürmt, einmal mitten in einer Vorstellung. Der Strom sei ausgefallen, aber: Die Show musste weitergehen.

Selbst während einer solchen Militäroperation müssen wir ganz normal weitermachen.
Autor: Raneen Leiterin Kinder- und Jugendabteilung am Theater

«Wir beleuchteten die Schauspielerin auf der Bühne mit unseren Handys, und sie spielte weiter. Du musst Kindern Sicherheit geben: Selbst während einer solchen Militäroperation müssen wir ganz normal weitermachen.»

Trotz Militäreinsatz «normal» weitermachen

Am Morgen des 13. Dezember 2023 postete Mustafa Sheta ein Bild der Theater-Überwachungskamera: Es zeigte, wie die israelische Armee das Theater angriff. Am Nachmittag schickte diese ein Grossaufgebot zu seinem Haus.

Person mit Bart telefoniert in einem Büro.
Legende: Mustafa Sheta bezeichnet sich als Aktivist und er redet mit internationalen Medien über das Leben der palästinensischen Bevölkerung unter Besatzung. SRF

Mustafa Sheta erzählt, er habe die Soldaten gefragt, weshalb sie ihn verhafte­ten. Ein Geheimdienstoffizier habe ihm geantwortet, er sei ein Terrorist. Als Sheta erklärt habe, dass er im Theater arbeite, habe der Offizier erwidert: «Das Theater macht Propaganda für terroristische Aktivitäten.»

Die israelischen Behörden kommentierten seine Verhaftung nicht – trotz internationaler Proteste. Fünfzehn Monate verbrachte Mustafa Sheta, ohne Anklage, im Gefängnis. Was er eine Stunde lang von sadistischer Gewalt und Erniedrigung erzählt, ist unerträglich.

Ein Mann geht an einer Mauer mit Theaterplakat und Porträtmalereien vorbei.
Legende: Der Eingang des Freedom Theatre im Flüchtlingslager Dschenin im Jahr 2022. AP Photo/Nasser Nasser

«Ich weiss nicht, wie ich all das ausgehalten habe. Ich war in einem sehr schlechten Zustand. Was konnte ich tun? Das war mein Leben, damit musste ich fertigwerden.»

Am 13. März 2025 wird der Theaterdirektor freigelassen. Erst dann erfährt er von der kompletten Zerstörung seines Theaters und des Flüchtlingslagers.

«Diese dunkle Zeit hat mich und mein Team unter Druck gesetzt und ermutigt: Wir müssen kreativ bleiben. Wir müssen uns fragen: Was machen wir mit all den vertriebenen Menschen? Wie sorgen wir dafür, dass die Welt unsere Version der Ereignisse hört?»

Besuch im Theater

Zwei Tage nach der Ankunft in Dschenin soll das Al-Saraya Theater aus Tel Aviv-Yafo am Freedom Theatre auftreten. Ein Theater von palästinensischen Israelis. Ein Teil der Gruppe ist schon da, das Publikum wartet. Und wartet. Auf die restlichen Schauspielerinnen. Sie seien verspätet, erklärt der Schauspieler Mu'adh al Zoubi.

Ein Theater zwischen Zwischen Besatzung, Widerstand und Kritik

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Eine Wand mit einem grossen Porträt und ein Baum daneben; drei Personen stehen davor.
Legende: Ein Wandbild des umstrittenen Theater-Mitbegründers Zakaria Zubeidi am alten Theaterbau im Spätsommer 2023. SRF

Die geistige Mutter des Freedom Theatres war die jüdische Menschenrechtsaktivistin Anna Mer Khamis. Sie widmete sich ab dem ersten Palästinenseraufstand 1987 zusammen mit palästinensischen Frauen der Arbeit mit Kindern im Flüchtlingslager Dschenin.

1993 bekam sie den Alternativen Nobelpreis, 2006 gründete ihr Sohn Juliani das Freedom Theatre, zusammen mit Zakaria Zubeidi – für Palästinenser ein legendärer ehemaliger Widerstandskämpfer, für Israel ein verurteilter Terrorist.

Die Waffen des Theaters sind Worte, nicht Gewehre, oder wie es der Freedom-Theatre-Gründer Juliano Mer Khamis in einem Video sagte: «Zuerst kommt die freie Meinungsäusserung: Erst dann kann es Freiheit von der Besatzung und allen anderen Zwängen geben.»

2011 wurde der erste Direktor des Freedom Theatres von einem maskierten Täter erschossen. Aber das Theater machte weiter – trotz Drohungen und Gewalt.

«Sie wollten über den Al-Jalameh Checkpoint nach Dschenin fahren, aber der war gesperrt. Also mussten sie einen Umweg von anderthalb Stunden bis zum nächsten Checkpoint fahren. Deshalb sind sie etwas verspätet.»

Der Saal, kleiner als das alte Theater, ist proppenvoll. Das Publikum wartet geduldig. Und atmet auf, als die Vorstellung – mit einer guten halben Stunde Verspätung – beginnt.

Person steht auf schräger, roter Plattform in Theaterszene, umgeben von sitzenden und stehenden Menschen.
Legende: Gastspiel des Al-Saraya Theaters im Freedom Theatre. Die Komödie thematisiert den Alltag palästinensischer Staatsbürger Israels. SRF/Susanne Brunner

Eine Komödie, die zum Nachdenken anregt: Es geht um die Realität palästinensischer Israelis: wie sie ihren Alltag mit der jüdischen Bevölkerung erleben, wie schwierig Freundschaften sind, wie auch sie oft in Angst leben. Das Publikum lacht viel, freut sich, dass es «sein» Theater wiederhat. Zwei Jugendliche, die beim Freedom Theatre mitwirken, sagen:

«Wir können nichts tun. Die einzige Lösung ist, dass die Welt erfährt, wie wir hier leben. Da hilft das Theater: Wir können hier Dampf ablassen, und wir fühlen uns hier ein wenig sicher.»

Das Theater ist eine Form von kulturellem Widerstand.
Autor: Student aus Dschenin

Nach der Vorstellung zeigen ein paar Jugendliche in Richtung Flüchtlingslager. Schüsse und Explosionen sind zu hören. Ein 19-jähriger Student findet die Lebensumstände in Dschenin frustrierend.

«Das Theater ist unser Werkzeug. Hier können wir unsere Gefühle ausdrücken, über unsere Heimat, über Widerstand, über alles. Die Bühne gibt uns diese Möglichkeit. Wir kämpfen noch immer für unsere Freiheit. Das Theater ist eine Form von kulturellem Widerstand.»

«International» – Reportagen aus aller Welt

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Abstraktes grünes Design mit kreisförmigen Mustern und Text.

Die Welt ist unübersichtlich geworden – «International» hilft, sie zu verstehen. Mit den SRF-Auslandkorrespondentinnen und -korrespondenten reisen wir dorthin, wo Geschichten entstehen: Krisengebiete, Wirtschaftsmächte, vergessene Regionen.

Nicht Schlagzeilen, sondern Zusammenhänge: Reportagen und Gespräche zu Politik und Gesellschaft aus allen Weltregionen.

International, 15.07.26, noes

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