Seit Jahrzehnten wachsen im Flüchtlingslager in Dschenin Kinder inmitten der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern auf. Trotzdem bringt sie das Freedom Theatre mit seinen Aufführungen immer wieder zum Lachen.
Das Theater wagt sich mit humorvoller Unerschrockenheit an jedes politische und gesellschaftliche Tabuthema. Die israelische Besatzung, militante Palästinenser, die palästinensische Führung: alle bekommen ihr Fett weg.
Dafür wird das Theater selbst wiederholt zur Zielscheibe. Aber nie so heftig wie ab Ende 2023. Die israelische Armee zerstört das Theater, vertreibt die gesamte Bevölkerung und nimmt den Theaterdirektor Mustafa Sheta fest.
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Bild 1 von 3. Das Flüchtlingslager Dschenin im September 2023. Wenige Monate später begannen israelische Militäroperationen, die zur Zerstörung des Quartiers und zur Flucht der Bevölkerung führten. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Im Spätsommer 2023 gibt es das auffallend bunt-bemalte Theater im Flüchtlingslager Dschenin noch. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Die Produktionen lockten regelmässig eine grosse Anzahl Besucher in den Theaterbau. Bildquelle: SRF.
«Die Soldaten kamen von allen Seiten, um mich zu verhaften: durch den Garten, sogar vom Dach, überall standen Jeeps: Ich kam mir vor wie ein gesuchter Top-Terrorist, wie Osama bin Laden», erklärt er mehr als zweieinhalb Jahre später, im Juni dieses Jahres.
Fünfzehn Monate verbringt Mustafa Sheta im Gefängnis. Und das Theater in Dschenin, das in den letzten zwanzig Jahren viele Angriffe überlebt hat, scheint am Ende. Doch dann blüht es wieder auf.
Unberechenbare Reisewege im Westjordanland
Die Reise nach Dschenin ist kein Spaziergang. Seit dem Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 hat Israel den Zugang zu palästinensischen Ortschaften im Westjordanland stark eingeschränkt: Soldaten und radikale Siedler haben Hunderte von Checkpoints und Strassensperren errichtet.
Mit einem israelischen Kennzeichen ist die Benutzung von Strassen zwar erlaubt, auf denen Palästinenser gar nicht fahren dürfen. Aber selbst mit solchen Privilegien verläuft eine Fahrt von A nach B im Westjordanland selten problemlos.
Nach dem ersten – unbemannten – Checkpoint von Ramallah Richtung Norden ist die Strasse kilometerlang beidseitig von israelischen Flaggen gesäumt.
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Bild 1 von 4. Auf vielen Strassenschildern im Westjordanland wurden die Namen palästinensischer Ortschaften übermalt oder entfernt. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Die Mauer zwischen Israel und dem Westjordanland prägt vielerorts das Landschaftsbild und den Alltag der Bevölkerung. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Auf der Fahrt nach Dschenin reihen sich entlang der Strasse israelische Flaggen aneinander. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Das historische Zentrum von Dschenin. Bildquelle: SRF.
Israel enteignet stetig mehr der 3.3 Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser und markiert seinen Alleinanspruch auf das Westjordanland. Mit Flaggen und Schildern wie «Der Messias kommt» oder «Wir sind nach Hause zurückgekehrt».
Mehr Siedlungen, Gewalt und Strassensperren: Auf der Fahrt von einer palästinensischen Ortschaft zur anderen gibt es mittlerweile so viele Hindernisse, dass sie ein Lokalradio in doppelter Geschwindigkeit aufzählt, um sie in einer Sendeminute unterzubringen.
Hinzu kommt: Dschenin war erst noch ein Kriegsgebiet, monatelang. Und jetzt baut die israelische Armee auf den Ruinen des Flüchtlingslagers, wo das Freedom Theatre war, eine Militärbasis – im Herzen der offiziell palästinensisch kontrollierten Stadt.
Man muss also mit allem rechnen – dennoch gelingt die Fahrt in zwei Stunden, ohne Zwischenfall.
Dschenin, mit seiner historischen Altstadt, seiner grossen Universität und seinen vielen Cafés und Restaurants, wirkt friedlich und belebt.
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Bild 1 von 4. Dschnenin bewegt sich zwischen Alltag und Ausnahmezustand. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Trotz Krieg, Vertreibung und Militärpräsenz geht das Leben in der Stadt weiter. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Die meisten Bilder von palästinensischen «Märtyrern» sind in Dschenin entfernt worden. Vereinzelt sieht man sie noch. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Der bewaffnete Widerstand wird gerne verherrlicht, wie auf diesen Plakaten in Dschenin. Bildquelle: SRF.
Auf dem Weg zum früheren Theater biegt man in eine Strasse ab. Dort warnen ein paar Männer in einer improvisierten Kaffeebude: «Ins Lager gehen ist verboten! Es ist jetzt militärische Zone – die schiessen, wenn du weitergehst! Es hat überall Überwachungskameras!»
Der Kaffeebudenbesitzer und seine Kunden erzählen, wie sie geflüchtet seien vor den Angriffen und, dass sie alles verloren hätten – wie Tausende andere Bewohnerinnen und Bewohner des Lagers und seiner Umgebung auch. Das Lager gibt es heute nicht mehr. «Hinter dem Gebäude da liegt alles in Schutt und Asche.»
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Bild 1 von 2. Die improvisierte Kaffeebude am Rand des ehemaligen Flüchtlingslagers Dschenin. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Ein beschädigter Verkehrskreisel in Dschenin erinnert an die jüngsten Kämpfe im Norden des Westjordanlands. Bildquelle: SRF.
Besonders bitter sei es, dass die Palästinensische Autonomiebehörde den Israelis geholfen habe. Im Kampf gegen militante palästinensische Gruppierungen in Dschenin töteten Palästinenser auch einander.
Mit dem Ende des gesamten Flüchtlingslagers hatte niemand gerechnet. Und was ist mit dem Theater?
Von zerstörter Kindheit zur Theaterarbeit mit Kindern
Das neue Theater befindet sich etwas abseits des Zentrums, in einem unscheinbaren Bürogebäude. Neben dem Lift im Erdgeschoss führt ein schmaler Gang vorbei: zuhinterst leuchtet das verspielte Freedom-Theatre-Logo.
Ich wollte Kindern einen Freiraum geben, wo sie spielen, sich künstlerisch ausdrücken und Dampf ablassen können.
Eine quietschende schwarze Eisentür, dahinter eine zweite, halb offene Holztür. In einem hohen, kargen Saal macht Raneen mit rund einem Dutzend Kinder Theater. Die 33-Jährige leitet die Kinder- und Jugendabteilung des Freedom Theatre. Sie ist spezialisiert auf die Arbeit mit Kindern und kommt selbst aus Dschenin.
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Bild 1 von 4. Das Logo des Freedom Theatre am Eingang der neuen Theater-Räumlichkeiten in Dschenin. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Am Hintereingang des Freedom Theatre haben Kinder die Wände bemalt. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Von aussen deutet wenig auf den kulturellen Treffpunkt hin. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Wer das Freedom Theatre besuchen will, muss zunächst durch ein unscheinbares Bürogebäude. Bildquelle: SRF.
«Meine Kindheit bestand aus Krieg, Angst und Flucht. Eine zerstörte Kindheit. Ich wollte deshalb mit Kindern arbeiten, ihnen einen Freiraum geben, wo sie spielen, sich künstlerisch ausdrücken und Dampf ablassen können.»
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Bild 1 von 3. Raneen koordiniert die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen am Freedom Theatre. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Die 33-Jährige stammt aus Dschenin und arbeitet mit Kindern, die Krieg, Flucht und Vertreibung erlebt haben. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Das Freedom Theatre bietet Kindern und Jugendlichen ein kreatives Zuhause. Bildquelle: SRF.
Die Kinder haben ihr Zuhause verloren, viele auch Eltern, Geschwister und Freunde. Ihr Theater haben sie wieder. Ein sicherer Ort sei dieses aber auch nicht, sagt Raneen. Im Flüchtlingslager habe die Armee das Theater mehrmals gestürmt, einmal mitten in einer Vorstellung. Der Strom sei ausgefallen, aber: Die Show musste weitergehen.
Selbst während einer solchen Militäroperation müssen wir ganz normal weitermachen.
«Wir beleuchteten die Schauspielerin auf der Bühne mit unseren Handys, und sie spielte weiter. Du musst Kindern Sicherheit geben: Selbst während einer solchen Militäroperation müssen wir ganz normal weitermachen.»
Trotz Militäreinsatz «normal» weitermachen
Am Morgen des 13. Dezember 2023 postete Mustafa Sheta ein Bild der Theater-Überwachungskamera: Es zeigte, wie die israelische Armee das Theater angriff. Am Nachmittag schickte diese ein Grossaufgebot zu seinem Haus.
Mustafa Sheta erzählt, er habe die Soldaten gefragt, weshalb sie ihn verhafteten. Ein Geheimdienstoffizier habe ihm geantwortet, er sei ein Terrorist. Als Sheta erklärt habe, dass er im Theater arbeite, habe der Offizier erwidert: «Das Theater macht Propaganda für terroristische Aktivitäten.»
Die israelischen Behörden kommentierten seine Verhaftung nicht – trotz internationaler Proteste. Fünfzehn Monate verbrachte Mustafa Sheta, ohne Anklage, im Gefängnis. Was er eine Stunde lang von sadistischer Gewalt und Erniedrigung erzählt, ist unerträglich.
«Ich weiss nicht, wie ich all das ausgehalten habe. Ich war in einem sehr schlechten Zustand. Was konnte ich tun? Das war mein Leben, damit musste ich fertigwerden.»
Am 13. März 2025 wird der Theaterdirektor freigelassen. Erst dann erfährt er von der kompletten Zerstörung seines Theaters und des Flüchtlingslagers.
«Diese dunkle Zeit hat mich und mein Team unter Druck gesetzt und ermutigt: Wir müssen kreativ bleiben. Wir müssen uns fragen: Was machen wir mit all den vertriebenen Menschen? Wie sorgen wir dafür, dass die Welt unsere Version der Ereignisse hört?»
Besuch im Theater
Zwei Tage nach der Ankunft in Dschenin soll das Al-Saraya Theater aus Tel Aviv-Yafo am Freedom Theatre auftreten. Ein Theater von palästinensischen Israelis. Ein Teil der Gruppe ist schon da, das Publikum wartet. Und wartet. Auf die restlichen Schauspielerinnen. Sie seien verspätet, erklärt der Schauspieler Mu'adh al Zoubi.
«Sie wollten über den Al-Jalameh Checkpoint nach Dschenin fahren, aber der war gesperrt. Also mussten sie einen Umweg von anderthalb Stunden bis zum nächsten Checkpoint fahren. Deshalb sind sie etwas verspätet.»
Der Saal, kleiner als das alte Theater, ist proppenvoll. Das Publikum wartet geduldig. Und atmet auf, als die Vorstellung – mit einer guten halben Stunde Verspätung – beginnt.
Eine Komödie, die zum Nachdenken anregt: Es geht um die Realität palästinensischer Israelis: wie sie ihren Alltag mit der jüdischen Bevölkerung erleben, wie schwierig Freundschaften sind, wie auch sie oft in Angst leben. Das Publikum lacht viel, freut sich, dass es «sein» Theater wiederhat. Zwei Jugendliche, die beim Freedom Theatre mitwirken, sagen:
«Wir können nichts tun. Die einzige Lösung ist, dass die Welt erfährt, wie wir hier leben. Da hilft das Theater: Wir können hier Dampf ablassen, und wir fühlen uns hier ein wenig sicher.»
Das Theater ist eine Form von kulturellem Widerstand.
Nach der Vorstellung zeigen ein paar Jugendliche in Richtung Flüchtlingslager. Schüsse und Explosionen sind zu hören. Ein 19-jähriger Student findet die Lebensumstände in Dschenin frustrierend.
«Das Theater ist unser Werkzeug. Hier können wir unsere Gefühle ausdrücken, über unsere Heimat, über Widerstand, über alles. Die Bühne gibt uns diese Möglichkeit. Wir kämpfen noch immer für unsere Freiheit. Das Theater ist eine Form von kulturellem Widerstand.»