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Floyd-Prozess: Polizisten bringen Verteidigung in Schwierigkeiten
Aus Echo der Zeit vom 09.04.2021.
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Prozess gegen Ex-Polizist Fall George Floyd: Eine Verurteilung wegen Mordes ist möglich

Dass sein Chef und Kollegen gegen den Polizisten Derek Chauvin aussagen, ist aussergewöhnlich und ein Zeichen, sagt eine Juristin.

«I can't breathe» – ich kann nicht atmen. Diese drei Worte, gestammelt von George Floyd, haben im vergangenen Jahr weltweit für Entsetzen gesorgt. Floyd starb bei einem Polizeieinsatz, weil der Polizist Derek Chauvin minutenlang auf dem Nacken von Floyd kniete.

Der Prozess gegen den Polizisten, der seit zwei Wochen läuft, wühlt die Öffentlichkeit in den USA auf. Diese Woche haben Dienstkolleginnen und -kollegen sowie Vorgesetzte des Angeklagten vor Gericht ausgesagt.

Vorgehen «nicht nachvollziehbar»

«Wie beurteilen Sie die Art, wie Officer Chauvin Gewalt angewandt hat?», fragt der Staatsanwalt Chauvins direkten Vorgesetzten. «Völlig unnötig», sagt Polizeileutnant Richard Zimmerman im Zeugenstand.

Und auch Inspektor Katie Blackwell, die damalige Leiterin des Polizei-Weiterbildungszentrums von Minneapolis, macht klar: Das Vorgehen Chauvins sei nicht nachvollziehbar.

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Aus dem Archiv: «Das entspricht nicht unseren Regeln»
Aus SRF News vom 06.04.2021.
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Die Bedeutung dieser Aussagen sei enorm, sagt Mary Moriarty, bis vor kurzem die oberste Pflichtverteidigerin im Bundesstaates Minnesota. Der Verteidiger des Angeklagten sei durch diese Aussagen in eine schwierige Lage geraten. Die Verteidigung könne nun nicht mehr behaupten, Chauvin habe bloss eine übliche Praktik angewandt, als er auf Floyds Hals kniete.

Aussagen gegen Kollegen sind selten

Chauvin habe gegen interne Regeln und gegen das Gebot der Hilfeleistung verstossen, sagt Juristin Moriarty. Sehr wichtig seien aber auch die unmissverständlichen Aussagen von Medaria Arradondo gewesen, dem Polizeichef von Minneapolis. Das Vorgehen Chauvins verstosse gegen interne Regeln und sei zu verurteilen, sagte Arradondo. Dass ein Polizeichef öffentlich gegen einen der Mitarbeiter aussage, sei ein fast einmaliger Vorgang in den USA.

Was war im Mai 2020 passiert?

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Der 46-jährige George Floyd war am 25. Mai 2020 in Minneapolis bei einer brutalen Festnahme ums Leben gekommen. Videos dokumentierten, wie Polizisten den unbewaffneten Floyd zu Boden drückten. Der Angeklagte ehemalige Polizist Derek Chauvin presste dabei sein Knie rund acht Minuten lang auf Floyds Nacken, während dieser flehte, ihn atmen zu lassen. Gemäss der Autopsie verlor Floyd dabei das Bewusstsein und starb. Die Beamten hatten Floyd wegen des Verdachts festgenommen, mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben.

Stehen Polizisten vor Gericht, stossen Staatsanwälte und Richterinnen sonst immer auf eine Mauer des Schweigens bei den Dienstkollegen von angeklagten Polizisten.

Dass Polizeichef Medaria Arradondo das Verhalten Chauvins nun derart klar verurteile, enthalte aber auch eine wichtige Botschaft an sämtliche Polizisten und Polizistinnen von Minneapolis, sagt Juristin Moriarty: «Ihr erhaltet von mir keine Rückdeckung, wenn ihr gegen interne Regeln und Werthaltungen verstösst.» Damit habe Arradondo sein Korps gewarnt.

Angeklagter hatte keine Todesangst

Häufig würden Polizisten vor Gericht freigesprochen, wenn sie im Dienst einen Menschen töteten, sagt die langjährige Pflichtverteidigerin Moriarty. Doch der Fall Chauvin sei in vieler Hinsicht aussergewöhnlich: Denn meistens töteten Polizisten mit ihren Schusswaffen und könnten geltend machen, sie hätten aus Furcht um das eigene Leben abgedrückt.

Chauvin hingegen sei nicht in Gefahr gewesen und habe nicht in Sekundenbruchteilen eine Entscheidung fällen müssen: Minutenlang habe Chauvin die Möglichkeit gehabt, Floyds Leben zu retten. Deshalb sei eine Verurteilung wegen Mord dritten Grades durchaus möglich, glaubt Moriarty.

Die Geschworenen fällen ihr Urteil Ende Monat.

Echo der Zeit, 09.04.2021, 18:00 Uhr

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45 Kommentare

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  • Kommentar von Hermann Roth  (Dr. Wissenschaftler)
    @SRF bitte korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege. Der Titel spricht von "Mord", aber lautet die Abklage nicht auf "third-degree-murder", was nicht mit "Mord" nach Schweizerischem Verständnis (die grausamste Arte der Tötung), sondern eher mit Totschlag oder gar "nur" fahrlässiger Tötung vergleichbar ist?
    1. Antwort von SRF News (SRF)
      @Hermann Roth
      Guten Tag Herr Roth, vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben die Spezifizierung im Beitrag angepasst. Den Titel werden wir aufgrund besserer Verständlichkeit beibehalten. Freundliche Grüsse, SRF News
    2. Antwort von Peter Sprecher  (b8ilys)
      Wie kann denn der "falsche" Titel zu einer besseren Verständlichkeit führen?
      Man sieht es in den Kommentaren.
  • Kommentar von Erich Singer  (Mairegen)
    Eine Verurteilung wegen Mordes ist möglich? ES WAR MORD und deshalb muss dieser Polizist mit aller Härte bestraft resp. verurteilt werden!!
    1. Antwort von Urs Müller  (Jackobli)
      Schuldig ist er, mindestens moralisch.
      Die juristische Beurteilung ist schwieriger. Hier wird nicht Schweizer Recht angewendet.
      Ansonsten wäre es auch hier nicht Mord, weil dem Polizisten wohl keine geplante Tat aus niederen Motiven nachgewiesen werden kann.
      Schon Vorsatz wird heikel sein. Wohl am ehesten fahrlässige Tötung.
    2. Antwort von Josef Graf  (Josef Graf)
      Es geht nicht um Mord im Sinn des schweizerischen Gesetzes, sondern um Mord zweiten Grades nach dem dortigen Recht. Das ist ähnlich wie die vorsätzliche Tötung bei uns. Dazu braucht es nicht unbedingt einen direkten Vorsatz. Es genügt auch ein sogenannter Eventualvorsatz. Wenn man die mögliche Todesfolge des eigenen Handelns kennt, kann ein solcher Vorsatz dann erfüllt sein, wenn man einfach weitermacht wie Chauvin. Dieser hat trotz mehrmaligem "Ich kann nicht atmen" nicht aufgehört.
  • Kommentar von Bruno Bär  (Wahrheitssucher)
    Das minutenlange Knien auf dem Hals von Floyd was schon allein aus dem Grund, dass er bereits in Handschellen mit den Armen auf dem Rücken war, völlig unangemessen, da keine Gefahr für den Polizisten bestand. Chauvin handelte aus rein niederträchtigen Motiven wie Hass, Sadismus oder Rassismus. Darum ist der Tatbestand "Mord" erfüllt.
    1. Antwort von Karl Kirchhoff  (Charly)
      Genauso sehe ich das auch. Nachdem nun auch Sauerstoffmangel als Todesursache festgestellt ist, sollte dieser Prozess zügig mit einer harten Verurteilung abgeschlossen werden.
    2. Antwort von Astrid Meier  (Swissmiss)
      Die Verteidigung scheint nachweisen zu wollen, dass Chauvin den damals geltenden Richtlinien entsprechend gehandelt hat. Es hat ihn auch keiner seiner dort anwesenden Kollegen gestoppt, und Chauvin wusste, dass diese Bodycams trugen. Aber überhaupt nicht nachvollziehbar, dass er die Position hielt, als ein Kollege berichtete, dass er bei Floyd keinen Puls mehr fühlt!
    3. Antwort von Urs Müller  (Jackobli)
      Wenn Sie ein Wahrheitssucher sind, Herr Bär, dann sollten Sie doch auch diese suchen.
      Erstens können wir beide wohl nicht in den Kopf dieses Polizisten hineinsehen. Zweitens wird er nach US-Strafrecht abgeurteilt, welches für solche Taten ebenfalls mehrere Grade beschreibt:
      1. First-degree murder
      2. Second-degree murder
      3. Voluntary manslaughter
      4. Involuntary manslaughter
      Angeklagt wurde er wegen 2.
      Das beschreibt eine ungeplante, bösartige Tat ohne Vorsatz.
    4. Antwort von Devora Heine  (Devora)
      Mit der steinigen These von Ueli bedeutet dies also nun, dass meine Antwort auf ein Nein hindeutet. Doch wie steht es mit denen "beiden" aus?
    5. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Heine: Warum Ueli? Meinten sie Urs?