Endloses Scrollen, Video auf Video auf Video: Nach Ansicht der EU-Kommission verstösst Tiktok mit seinem «süchtig machenden Design» gegen das EU-Gesetz über digitale Dienste. Sollte sich die Plattform nicht bessern, droht Tiktok gar eine Busse. Das könnte weitreichende Auswirkungen haben – nicht nur für Tiktok. Digitalredaktorin Tanja Eder ordnet ein.
Worin besteht das grosse Suchtpotential von Tiktok?
Vom Inhalt bis zum Design: Alles an Tiktok ist so gestaltet, dass wir möglichst lange in der App bleiben und dabei die Zeit vergessen. Auf die bunten Kurzvideos springt unser Hirn sofort an. Dank Algorithmus sind sie auch perfekt auf unsere Vorlieben zugeschnitten. Zugleich bleibt es ein wilder Mix, der einen immer wieder überrascht. Das kreiert den «Slotmaschinen-Effekt»: Man gerät in einen Suchtmodus, in dem man immer auf den nächsten Dopaminschub wartet. Diese sogenannte «variable Belohnung» macht sehr schnell süchtig. Auf diese Eigenschaften unseres Gehirns ist das App-Design perfekt ausgelegt: Swipen geht blitzschnell und es gibt kein App-Menu, das davon ablenken könnte. Das lässt einen in eine Art Trance kommen und die Zeit vergessen.
Aber sind nicht fast alle Apps auf das «unendliche Scrollen» ausgelegt?
Expertinnen und Experten sind sich zwar einig, dass Tiktok diejenige Plattform ist, die am meisten süchtig macht. Aber tatsächlich funktionieren auch Instagram, YouTube und viele andere Apps ähnlich. Sie alle wollen die Nutzenden möglichst lange auf der App halten: Je länger wir auf der App sind, umso mehr Werbung sehen wir und umso mehr Geld verdienen die App-Anbieter. Das ist auch der Grund, warum diese Apps immer ähnlicher aussehen. Immer mehr setzen auf das Tiktok-Prinzip, weil sie sehen, wie lukrativ das ist. Ein allfälliges Urteil der EU gegenüber Tiktok dürfte darum wohl auch auf die anderen Plattformen anwendbar sein.
Die EU-Kommission setzt Tiktok eine Frist für technische Anpassungen. Was ist da zu erwarten?
Schon heute gibt es auf Tiktok eine Zeitbegrenzung, die man einstellen kann. Bei Jugendlichen unter 18 Jahren ist diese standardmässig auf 60 Minuten eingestellt. Danach gibts einen Reminder. Den könne man aber viel zu schnell und einfach wegklicken, sagt die EU-Kommission. Eine Verschärfung der Zeitbegrenzung wäre also eine Möglichkeit. Eine weitere wäre, die Push-Nachrichten zu reduzieren und eine App-Sperre für die Nacht einzurichten.
Könnte das schon reichen, um die Suchtgefahr einzudämmen?
Nein, vermutlich ist es damit nicht getan. Die EU sagt, das ganze Design müsse grundsätzlich überdacht werden: vom Endlos-Scroll bis hin zu den Video-Empfehlungen. Damit hinterfragt die EU-Kommission einen Grossteil von dem, was Tiktok ausmacht. Daneben versuchen auch einzelne Länder die Plattformen zu regulieren. Etwa mit Verboten für Jugendliche. In Australien wurde das bereits umgesetzt. In Frankreich, Spanien und Grossbritannien werden Verbote derzeit diskutiert. Auch in den USA wird die Suchtgefahr von Social Media derzeit vor Gericht verhandelt.
Wie reagiert Tiktok auf den Druck der EU?
Auf Medienanfragen sagt Tiktok, die Plattform werde komplett falsch dargestellt und die Vorwürfe der EU-Kommission seien haltlos. Man werde alle notwendigen Schritte unternehmen, um diese Ergebnisse anzufechten. Gut möglich also, dass das Verfahren an den Europäischen Gerichtshof weitergezogen wird.