Der demokratische US-Abgeordnete Ted Lieu formuliert das Problem der Streitkräfte seines Landes im Iran-Krieg spitz: «Wir zielen mit Ferraris auf Frisbees.» Will heissen: Mit mehreren Millionen teuren Abwehrraketen werden Drohnen zerstört, die bloss 30'000 Dollar kosten. «China und Russland registrieren», so Lieu, «dass die USA binnen Wochen einen guten Teil ihres während Jahrzehnten aufgebauten Arsenals an Abwehrwaffen verschossen haben.»
Es geht nicht nur um die Waffensysteme
Trotz ihrer Überlegenheit konnten die USA das iranische Regime nicht beseitigen. Denn in modernen Kriegen geben nicht unbedingt hochgezüchtete Waffensysteme den Ausschlag. Das zeigt auch Russlands Krieg gegen die Ukraine. Die Ukrainer behaupten sich dank ihrer Findigkeit und Flexibilität gegen die eigentlich überlegenen, aber anfänglich schwerfällig operierenden Russen.
Unsere Streitkräfte sind kampffähiger als je zuvor.
Doch das ändert sich gerade. Russlands Verteidigungsminister Andrej Belousov sagt: «Unsere Streitkräfte sind kampffähiger als je zuvor.» Das ist auch Propaganda – aber nicht nur.
Moskau sehr offen für neue Technologien
«Der Westen unterschätzt Russlands militärische Anpassungs- und Wandlungsfähigkeit», ist Kateryna Bondar überzeugt. Sie ist Forscherin bei der US-Denkfabrik Center for Strategic and International Studies. Sie war früher in einem US-Beratungsunternehmen für Verteidigungsprojekte zuständig und beriet später den ukrainischen Präsidenten bei der Armeereform. Moskau integriere mittlerweile innovative Technologien beeindruckend schnell.
Drohnenpiloten bildet die Armee selber weniger aus, rekrutiert dafür abertausende von privaten Drohnenschulen. Statt komplexe, streitkräfteübergreife Kommando- und Kontrollsysteme bevorzugen die Russen neuerdings oft kleine, dezentrale Vor-Ort-Strukturen. Und während westliche Armeen nur sehr zögerlich kommerzielle Technologien militärisch nutzten, tue Russland das konsequent.
Ethische und moralische Prinzipien oder völkerrechtliche Vorgaben sind der russischen Führung egal.
Während die meisten westlichen Regierungen bei vollautonomen Waffensystemen – auch Killerroboter genannt – Skrupel haben, hat Russland da keine Hemmungen. Bei deren Einsatz entscheiden nicht mehr Menschen, sondern Algorithmen. Kateryna Bondar: «Ethische und moralische Prinzipien oder völkerrechtliche Vorgaben sind der russischen Führung egal. Dabei hilft, dass heute kaum noch Rüstungskontrollabkommen existierten.»
Ohne verbindliche Vorschriften kann man auch keine verletzen. Konkret bedeutet das: Autonome Waffen mögen noch nicht perfekt funktionieren, man setzt sie trotzdem schon mal ein. Halt mit dem Risiko, dass statt eines Terroristen ein Zivilist erschossen wird.
Weniger Bürokratie
Nun können und sollen Amerikaner und Europäer nicht einfach das russische Vorgehen kopieren, das widerspräche rechtsstaatlichen Prinzipien. Doch, so Bondar: «Lernen von Moskau kann und müsste man schon.» Weniger Bürokratie, einfachere Prozesse, viel mehr Tempo bei der Rüstungsbeschaffung und Modernisierung der Streitkräfte seien nötig. Es dürften nicht Jahre vergehen bis zum operativen Einsatz neuer Waffensysteme.
All das bedeutet nicht, dass Russland dem Westen technologisch voraus ist oder generell militärisch die Oberhand erringt. Es heisst, dass die Russen aufholen. In einem Krieg dürfte dies der Nato enorme Problem bereiten.