Russland ist im Kriegsmodus. Ein Gesprächspartner hat die russische Position im Ukraine-Krieg kürzlich in Moskau mit einem Sprichwort – frei übersetzt – so erklärt: «Der Dicke nimmt ab, der Dünne verhungert.» Sprich: Obwohl auch Russland unter dem Krieg leidet, sieht man sich am längeren Hebel. Die Zeit arbeite für Moskau.
Die Forderungen lauten nach wie vor: den ganzen Donbas für Russland; die Kampflinien in Saporischja und Cherson einfrieren. Dann könne man mit «ernsthaften Verhandlungen» beginnen. Wohin die führen? Ungewiss. Dass die Kämpfe danach wieder weitergehen, sehr gut möglich.
Wie lange hält der «Dicke» durch, respektive wie viele Reserven hat er wirklich? Das ist die grosse Frage. Der schwedische Geheimdienst sagt, Russland würde die Wirtschaftszahlen schönen, um vor dem Westen stärker dazustehen, als es tatsächlich sei.
Internetabschaltung: Testet der Kreml den Protestfall?
Vieles sieht nicht gut aus: hoher Leitzins (14.5 Prozent), wenig Investitionen (ausser in die Rüstung) und eine Inflation, die höher sein dürfte als die offiziellen knapp sechs Prozent.
Was die Menschen auch ärgert, sind die Probleme mit dem Internet. Der Zugang zum mobilen Internet ist oft eingeschränkt. Die Regierung rechtfertigt dies mit Sicherheitsbedenken. Ukrainische Drohnen, die tief ins Hinterland gelangen, sollen gestört werden.
Aber kritische Bürgerinnen und Bürger stellen sich die Frage: Testet die Regierung hier die Abschaltung des Internets für den Fall, dass es zu Protesten und Demonstrationen kommt?
«Nationaler» Messenger namens Max
Inzwischen blockieren die Behörden nebst Sozialen Medien wie Instagram oder Facebook auch den Zugang zu YouTube, genauso wie zu Whatsapp. Dass mit Telegram sogar der beliebteste Messenger gedrosselt wird, bringt teils auch Kreml-nahe Leute in Rage. Dies, weil Telegram sowohl für Beamte als auch für Soldaten an der Front und für deren Familien wichtig ist. Die Menschen sollen nun den «nationalen» Messenger namens Max gebrauchen. Max wird aber wegen mangelhafter Qualität kritisiert und auch wegen des Verdachts, dass der Staat hier mithören, -lesen und -sehen kann.
Über Kontrolle, Überwachung und Drosselung des Internets wird in Russland geschimpft. Die Popularitätsrate des Präsidenten soll so tief sein wie schon lange nicht mehr – allerdings immer noch weit über fünfzig Prozent.
Anpassung statt Revolte
Und doch ist es seit Kriegsbeginn so, dass sich die Russinnen und Russen mehrheitlich den Veränderungen anpassen und den Krieg in der Ukraine ignorieren. Blockierungen im Internet umgehen viele mit der sogenannten VPN-Technologie.
Jelena, Mitarbeiterin bei einer Elektrizitätsfirma in der nordrussischen Stadt Tscherepowez, fasst die Stimmung treffend zusammen: «Es muss sich etwas ändern. Alles ist so rigide und harsch. Ich glaube zwar nicht, dass die Menschen revoltieren werden. Aber man verliert die Lust, etwas aufzubauen.»
Konstant ist in Russland die Ungewissheit, was das Morgen bringt. Wird es Jahre so weitergehen? Begehrt ein Teil der Elite auf, und wenn ja, was folgt danach? Viel hängt von der Unterstützung Chinas für Russland ab und von derjenigen des Westens für die Ukraine. Wer am Schluss der Dicke und wer der Dünne sein wird, ist offen.