In wenigen Tagen hat die ukrainische Armee ein so grosses Gebiet zurückgewonnen wie seit 2023 nicht mehr. Vermutlich wurde das möglich, weil Russland keinen Zugang zu Starlink mehr hat. SRF-Korrespondent Calum MacKenzie erklärt, welchen Stellenwert Elon Musks Satellitensystem an der Front in der Ukraine hat.
Wie bedeutsam sind die ukrainischen Geländegewinne?
Laut unabhängigen US-Experten sind es gut 200 Quadratkilometer – eine überschaubare Zahl. Es ist unklar, ob dies zu weiteren ukrainischen Erfolgen führen wird. Über die allgemeine Situation an der Front sagen die ukrainischen Vorstösse aber durchaus etwas aus.
Faktisch kommt Russland seit bald zwei Jahren voran – die russischen Geländegewinne sind grösser als die ukrainischen. Sie sind aber immer noch sehr klein, das belegen alle Daten von verschiedenen Militärfachleuten. Im ganzen Jahr 2025 hat Russland weniger als 1 Prozent des Territoriums der Ukraine eingenommen – bei riesigen Verlusten. Geschätzt wurden im letzten Jahr weit über 100'000 russische Soldaten getötet.
Die ukrainischen Fortschritte deuten auch darauf hin, dass die russischen Geländegewinne nicht unbedingt stabil sind. Von einem Wendepunkt zugunsten der Ukraine kann man vielleicht nicht sprechen, aber mit Blick auf die Friedensverhandlungen muss man die Entwicklungen im Hinterkopf behalten. Schliesslich fordert Russland von der Ukraine, noch mehr Territorium abzutreten – und das kampflos.
Wie haben die Russen Starlink im Krieg genutzt?
Starlink garantiert vor allem in Frontgebieten einen Internetzugang, die von sonstigen Kommunikationsnetzwerken abgeschnitten sind. Über Starlink können Kommunikationsmittel genutzt werden, um Informationen auszutauschen. Vor allem aber lassen sich darüber Drohnen steuern, die auf dem Schlachtfeld enorm wichtig sind.
Die Ukraine nutzt Starlink sozusagen legal, während die russischen Truppen auf geschmuggelte Benutzerterminals zurückgreifen. Nun haben Starlink und die Ukraine einen Weg gefunden, diese nicht autorisierten Terminals vom Netz zu nehmen, sodass sie für die russische Seite unbrauchbar sind.
Haben die Russen eine Alternative zu Starlink?
Auf die Schnelle nicht. Ein analoges russisches Satellitensystem ist geplant, dürfte sich aber verzögern, weil die Produktion der Satelliten noch nicht begonnen hat. Ein chinesisches Starlink namens «Tausend Segel» ist auch ins Stocken geraten. Also greift die russische Armee auf herkömmliche Glasfasernetze oder Funksender zurück. Die funktionieren zwar, aber sind viel komplexer aufzubauen und weniger verlässlich.
Offenbar ist auch der Messengerdienst Telegram nicht mehr zugänglich für die russischen Soldaten. Was sind die Folgen?
Das ist eher ein Eigentor von russischer Seite. Telegram ist der beliebteste Messenger in Russland nach Whatsapp. Aber nun werden beide von den Behörden technisch gestört und arbeiten nur sehr langsam oder gar nicht. Der Kreml will die Bevölkerung dazu bringen, den eigens entwickelten Messenger Max zu benutzen. Diesen können die Sicherheitsbehörden viel besser überwachen.
Die militärische Bedeutung von Telegram wird aber meines Erachtens überschätzt. Dieses Narrativ kommt vor allem von russischen Kriegsbloggern, die ihre Influencerkarrieren Telegram zu verdanken haben. Effektiv fehlt den Soldaten neben Starlink nun aber ein weiteres Kommunikationsmittel. Das macht ihre Situation nicht einfacher – gerade angesichts der konstanten Verluste.