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Kolesnikowa berichtet von der harten Hand des Regimes
Aus Echo der Zeit vom 10.09.2020.
abspielen. Laufzeit 05:47 Minuten.
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Unruhen in Belarus Korrespondent: «Kolesnikowa hat sich nicht einschüchtern lassen»

In Belarus gehen die Proteste gegen Langzeitherrscher Lukaschenko unvermindert weiter. Die Oppositionelle Maria Kolesnikowa, die einige Tage verschwunden war und dann wieder auftauchte, hat Strafanzeigen gegen Geheimdienstler und Polizisten eingereicht. SRF-Korrespondent David Nauer sagt, was sie erlebt hat.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Was hat Maria Kolesnikowa zu ihrer Verhaftung gesagt?

David Nauer: Sie schildert über ihre Anwälte, dass sie verschleppt und von Geheimdienstlern und Polizisten auf sehr üble Weise bedroht wurde. Die Männer drohten ihr mit physischer Gewalt, und dabei sei auch der Satz gefallen: Wenn du nicht freiwillig ausreist, dann bringen wir dich in Stückchen aus dem Land, eine ganz schlimme Morddrohung. Kolesnikova hat sich nicht einschüchtern lassen.

Das war eine sehr, sehr starke Tat.

Sie berichtet, dass mit einem Sack über dem Kopf an die Grenze gebracht wurde. Als man ihr den Sack abgenommen hatte, hat sie ihren Pass zerrissen, um zu verhindern, dass sie in die Ukraine abgeschoben wird. Sie will im Land bleiben. Das war schon eine sehr, sehr starke Tat.

Warum ist es Lukaschenko so wichtig, dass seine Gegenspieler ins Ausland gehen? Wie passt das in seine Strategie?

Lukaschenko stellt den ganzen Konflikt in Belarus als Angriff von aussen dar. Die USA, Polen, Tschechien, kurz gesagt der Westen würden Belarus angreifen, und deswegen will er seine Gegner aus dem Land werfen, um sie dann als Republikflüchtlinge und die Frauen aus Agentinnen des Westens verunglimpfen zu können.

Tausende Menschen in Belarus solidarisierten sich mit ihr.
Legende: Tausende Menschen in Belarus solidarisierten sich mit ihr. Keystone

Kolesnikow hat sich dem widersetzt. Welchen Stellenwert hat sie nun in der Protestbewegung?

Ich würde sagen, sie ist schon fast zu einer Ikone geworden. Sie wird nicht nur in sozialen Medien gefeiert. Sie ist inzwischen das Gesicht dieser Revolution. Sie ist eine Heldin dieses Volksaufstandes, und das hat natürlich auch damit zu tun, dass Kolesnikowa für ganz zentrale Merkmale dieser Bewegung steht. Sie steht für Gewaltlosigkeit, für Hartnäckigkeit und auch für Furchtlosigkeit.

Und Kolesnikowa ist eine Frau, und Frauen spielen im Kampf gegen Lukaschenko eine entscheidende Rolle. Sie haben sich in den vergangenen Tagen und Wochen auch immer wieder schützend vor männliche Demonstranten gestellt, damit die Männer nicht verhaftet werden.

Was steckt hinter der erstarkten Repression?

Ich denke, es hat damit zu tun, dass Lukaschenko die Unterstützung des Kremls bekommen hat. Präsident Putin hat gesagt, er würde notfalls eigene Sicherheitskräfte nach Belarus schicken, um die Regierung in Minsk zu stärken. Nur schon diese Ankündigung hat das Lukaschenko-Regime konsolidiert, insbesondere den Sicherheitsapparat.

Es ist ein Kampf darum, was für ein Land Belarus werden soll.

Man muss sich vorstellen, ein belarussischer Polizist wagt kaum zu desertieren, wenn er weiss, wenn ich gehe, dann kommen die Russen und retten Lukaschenko mit Gewalt. Also bleibt er besser. Man kann daraus ableiten, dass die psychologische Wirkung dieses Supports aus Moskau gewaltig ist.

Video
Aus dem Archiv: Maria Kolesnikowa festgenommen
Aus Tagesschau vom 08.09.2020.
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Kann man sagen, Lukaschenko hat zwar die Unterstützung des Sicherheitsapparates, aber die Unterstützung seines Volkes hat er verloren?

Ja, das kann man sagen. Man sieht es an einem Beispiel in einem Minsker Hinterhof. Dort gibt an einer Wand ein oppositionelles Graffiti, das die Behörden schon mehrfach übermalt haben. Jede Nacht malen es die Bewohner dieser Häuser wieder hin. Es ist ein Hin und Her, und es ist ein Kampf um ein Symbol. Aber das ist auch ein Kampf darum, was für ein Land Belarus werden soll. Mein Eindruck ist, dass das Volk sich für einen Neuanfang ohne Lukaschenko entschieden hat.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

Echo der Zeit vom 10.09.2020;

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Mark Altheer  (Mark_Altheer)
    Diese Frau verdient Respekt und Bewunderung. Wie sie sich gegen diesen elenden feigen Autokraten wehrt... Chapeau!
  • Kommentar von Hans Peter Auer  (Ural620)
    Bedauerlich hingegen ist, dass die tanzenden Teilnehmer der Solidaritaetsaktion in der Zwischenzeit durch OMON Sicherheitskraefte in die Rote Kirche gedraengt wurden und in der Kirche Inhaftierungen vorgenommen wurden. Ein solches Vorgehen ist alleine schon gegenueber Glaeubigen, Diskriminierung auf hoechster Ebene und ethisch und moralisch inakzeptabel.
  • Kommentar von Friedrich Lutz  (LuFritz)
    Was für eine inspirierende Persönlichkeit!