Die Zeiten ändern sich rasant für Grönland. Während vor zwei Jahren bei der letzten «Future Greenland»-Konferenz, einer Art Weltwirtschaftsforum für den arktischen Raum, noch die Bewältigung der Folgen der Corona-Pandemie und die Fischwirtschaft im Mittelpunkt standen, geht es in diesem Jahr um nichts weniger als die Existenz des Landes. Hans Peter Poulsen, Direktor des öffentlich-rechtlichen grönländischen Rundfunks KNR, betont, dass Grönland mehrfach gefordert ist.
«Noch vor wenigen Jahren bestand unser Land aus ganz vielen, voneinander unabhängigen, lokalen Gemeinschaften. Jetzt aber betreiben wir Nation-Building im Schnellzugtempo. Gleichzeitig wehren wir uns gegen Übernahmeversuche unserer Nachbarn.»
Hilferuf an die Weltgemeinschaft
Die Dringlichkeit der aktuellen Situation zeigt sich auch daran, dass dieses Jahr doppelt so viele ausländische Vertreterinnen und Vertreter bei der diesjährigen «Future Greenland»-Konferenz angemeldet sind als noch bei der letzten Ausgabe – darunter der Sondergesandte des US-Präsidenten für Grönland, der Gouverneur von Louisiana, Jeff Landry.
Wir müssen uns jetzt mit Europa, Island und Kanada verbinden, damit wir nicht vergessen werden.
Für Pipaluk Lynge, die Vorsitzende der aussenpolitischen Kommission im grönländischen Parlament, bietet die Tagung zur Zukunft Grönlands eine wichtige Gelegenheit, einen Hilferuf an die Welt zu senden. Sie appelliert: «Wir müssen uns jetzt mit Europa, Island und Kanada verbinden, damit wir nicht vergessen werden. Denn noch immer hält das Weisse Haus an seinem Anspruch auf unser Land fest.»
Nuuk als diplomatischer Hotspot
Tatsächlich habe sich der amerikanische Kurs gegenüber Grönland massiv verändert, sagt der Leiter des Aussen- und Sicherheitspolitischen Instituts an der Universität Grönland, Rasmus Leander Nielsen: «Als Washington vor sechs Jahren sein neues Konsulat hier in Nuuk eröffnete, ging es vor allem um Soft Power, Dialoge und Hilfeleistungen. Davon ist im Moment nichts mehr zu spüren.»
Wissenschaftler Rasmus Leander Nielsen weist daraufhin, dass stattdessen andere Länder diese Form der diplomatischen Arbeit in Grönland aufgenommen haben. Die Europäische Union habe eine grosse Vertretung eröffnet, und vor wenigen Wochen folgten Kanada und Frankreich mit der Eröffnung neuer Konsulate. Nuuk wird immer mehr zu einem diplomatischen Hotspot.
Viele Grönländerinnen und Grönländer sind gespannt, wie sich die offiziellen US-Vertreter – neben dem Sondergesandten Landry wird auch der US-Botschafter in Kopenhagen auftreten – in den kommenden Tagen verhalten werden.
Rasmus Leander Nielsen hofft wie die meisten in Grönland, dass nach den vielen Drohungen und Ankündigungen aus dem Weissen Haus zu Beginn des Jahres die Beziehungen zwischen Washington und Nuuk wieder auf eine Ebene des gegenseitigen Respekts zurückgeführt werden können. Um dies zu erreichen, ist die indigene Arktis-Nation auch auf die Unterstützung anderer Länder in der Nato und der EU angewiesen. Dies wird durch die wachsende Zahl ausländischer Vertretungen in Nuuk derzeit nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten unterstrichen.