Früher hielt man eine Zigarette in den Händen, heute das Smartphone. Das allein sagt viel. Wenn ich aber benennen müsste, was sich grundlegend verändert hat seit dem Jahr 2000, dann würde ich behaupten: Wir haben die Zukunft verloren. Den Hoffnungshorizont. Die Erwartung, dass es im Grossen und Ganzen bergauf geht.
Heute dominieren Ängste, angesichts von Kriegen, Klimawandel, Migration, Autokraten und Künstlicher Intelligenz. In der politischen Welt fand also eine Schliessung statt, ein Rückzug, eine Rückwärtsorientierung.
Rechtspopulismus und Retropolitik behaupten: Früher war alles besser. Es entsteht eine Politik der Angst. Kein Wunder, denn am Anfang des 21. Jahrhunderts steht ein Schock.
Die Welt im Krisenmodus
Der 11. September 2001 erschüttert das Sicherheitsgefühl des Westens. Es folgen terroristische Attentate in europäischen Grossstädten. An Flughäfen wird kontrolliert und bald hängen überall Überwachungskameras. Der Islamische Staat ist in unseren Köpfen.
Ab 2007 folgt dann die Weltfinanzkrise, die Investmentbank Lehman Brothers geht pleite, die Blase am Immobilienmarkt platzt. Das Vertrauen in die globale Finanzindustrie ist erschüttert, eine Krise, die 2011 in den «Occupy Wall Street»-Protesten kulminiert.
2015 folgt die «Flüchtlingskrise» in Europa und befeuert den Rechtspopulismus, der von Überfremdungs- und Abstiegsängsten profitiert. Das Grundgefühl der Wähler: Kontrollverlust angesichts der Globalisierung. Aus England ertönt der Brexit-Slogan «Take back control», in den USA schreien Trump-Anhänger «Make America Great Again».
Diversität als Norm
Gleichzeitig findet in immer grösser werdenden Kreisen der Gesellschaft eine Sensibilisierung statt, einerseits für Ökologie, andererseits für Antidiskriminierung. Greta Thunberg streikt 2018 und alle reden plötzlich über Klima, Artensterben und Ressourcenverbrauch.
Mit «MeToo» und «Black Lives Matter» entstehen soziale Bewegungen, die sich gegen Sexismus und Rassismus einsetzen. Diskriminierung wird augenfällig und Diversität zur Norm. LGBTQ wird zur gängigen Buchstabenreihenfolge und der «alte weisse Mann» wird da und dort vom Thron gestossen.
Die Sprache der «Wokeness» breitet sich aus, vorwiegend in Nischen. Vieles wird «moralisch problematisch»: Fliegen, Fleisch essen, Winnetou und Reggae-Musik von Weissen. Bewertung von Kunst heisst ab sofort auch: moralische Bewertung der Kunstschaffenden.
Die Welt in der Hosentasche
In der digitalen Welt erleben wir zunächst eine grosse Öffnung und Befreiung. Internet für alle, gratis Wikipedia statt teurer Brockhaus. Ab den 2010er-Jahren kommt das Smartphone. Ab jetzt ist die ganze Welt permanent verfügbar, in der eigenen Hosentasche.
Es vollzieht sich eine «Demokratisierung der Öffentlichkeit», dank Blogs und sozialer Medien wie Facebook und Youtube: Alle können senden. Es gibt keine Gatekeeper mehr. Bald aber merken wir: Geld und Macht dominieren auch die virtuelle Welt. Es kommt zur grossen Desillusionierung.
Handysucht, Echokammern, Shitstorms, Verschwörungstheorien, Propaganda: Die hässliche Kehrseite der schönen Neuen Welt kommt zum Vorschein.
Und: Es kommt zum grossen Schamverlust, zur «Tyrannei der Intimität», wie der Soziologe Richard Sennett sagt. Die Grenze zwischen privat und öffentlich löst sich zunehmend auf. Social Media ist Big Brother für alle. Der spätmoderne Kapitalismus: eine grosse Castingshow. Und ein Reality-TV-Star wird Präsident der USA.
Der eigene Körper als Statussymbol
Auch an der popkulturellen Oberfläche zeichnen sich Verschiebungen ab. Retro wird Trend, einige tragen sogar Vokuhila und Schnauz. Überhaupt rückt der eigene Körper ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Fitnessstudios schiessen wie Pilze aus dem Boden. Niemand raucht mehr.
Dafür tragen alle Turnschuhe, machen Yoga und beschäftigen sich mit Ernährung und Gesundheit. Alle haben Tattoos oder lassen sonst etwas an sich machen. Der eigene Körper wird zum Statussymbol, zur letzten Bastion der Selbstwirksamkeit, eine Kompensation für den Kontrollverlust im grossen Ganzen. Bizeps gegen Ohnmachtsgefühle.
KI als ständiger Begleiter
Oder man frönt dem Eskapismus, der Ablenkung. Streamingdienste wie Netflix verdrängen lineares Fernsehen. Serien verdrängen Filme. Und schliesslich verdrängen Tiktok-Videos alles.
Aber es gibt sie immer mal wieder, die Filme, die unsere Zeit auf den Punkt bringen. 2009 läuft «Avatar» in den Kinos. Ein Blockbuster über den Raubbau an der Natur, über Kolonialismus, Naturverbundenheit, digitale Fluchtwelten und Rohstoffe auf anderen Planeten.
Aber auch der Film «Her» von 2013 wäre zu erwähnen, über Künstliche Intelligenz als ständigen Begleiter und Freund. Beide Filme haben die Zukunft vorweggenommen.
Die Atomisierung der Gesellschaft
Auch rein materiell gibt es Zeichen unserer Zeit, Gegenstände, die wie kaum andere für das erste Viertel des 21. Jahrhunderts stehen. Allen voran das Smartphone, der grosse Alleskönner zwischen Faxgerät und Freund, diese grosse Verfügbarkeits- und Zerstreuungsmaschine, die uns viel Bequemlichkeit geschenkt hat, uns aber das Wichtigste raubt: die Pause.
Daneben fallen auch andere Dinge ins Auge. Red-Bull-Dosen zum Beispiel. Heute zunehmend Mate. Zeichen der Selbstoptimierung, des Leistungsdrucks, der Ich-AG, aber auch der Erschöpfung, des Burn-outs. Überhaupt wird psychische Gesundheit vom Tabu zum Thema.
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Bild 1 von 8. Was hat das 21. Jahrhundert bisher so spannend gemacht? Da wären die Fidget-Spinner: Die kleinen Handspielzeuge wurden ab 2017 so richtig populär. Bildquelle: KEYSTONE/Alessandro della Valle.
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Bild 2 von 8. Was wären die frühen 2000er ohne die Musik der früh verstorbenen Amy Winehouse? Ihr wohl bekanntester Song «Back To Black» von 2007 war und ist in aller Ohren. Bildquelle: Keystone/AP Photo/Matt Dunham.
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Bild 3 von 8. Ganz für sich allein oder im endlosen Gespräch mit anderen: Die Knöpfe in unseren Ohren sind nicht mehr wegzudenken. Das hierzulande dominierende Modell Airpod ist seit 2016 auf dem Markt. Bildquelle: Keystone/EPA/JOHN G. MABANGLO.
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Bild 4 von 8. Ab 2001 zu sehen: «Harry Potter» in unseren Kinos. Ein Universum, das mittlerweile auf acht Filme angewachsen ist. (Oder elf, je nachdem, wie strikt man beim Zählen ist.). Bildquelle: KEYSTONE/AP/Peter Mountain/Warner Bros. Pictures.
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Bild 5 von 8. Der coole US-Präsident – im Sommer 2015. Mit einer deutschen Kanzlerin, die im selben Jahr ausrief: «Wir schaffen das.». Bildquelle: Keystone/EPA/MICHAEL KAPPELER.
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Bild 6 von 8. Unsere Telefone werden erst mobil, dann smart und dann immer grösser. 2003 stellt Microsoft-Boss Bill Gates seinen Ansatz eines Smartphones vor. Bildquelle: KEYSTONE/EPA PHOTO/JEFF CHRISTENSEN.
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Bild 7 von 8. Yoga am Genfersee im Jahr 2026: Fitness und Gesundheit, Longevity, Körperbewusstsein und Achtsamkeit sind die Schlagwörter des neuen Jahrtausends. Bildquelle: KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi.
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Bild 8 von 8. Vergessen geglaubte Trends tauchen wieder auf: Schnauz und Vokuhila sind wieder salonfähig (nicht nur wie hier bei der Schweizer Vokuhila-Meisterschaft 2024). Bildquelle: KEYSTONE/Salvatore Di Nolfi.
Symbolische Gegenstände sind aber auch die allgegenwärtigen Kopfhörer und Airpods, die mir helfen, mich in meine Blase zurückzuziehen. Stichwort: Individualismus. Die Atomisierung der Gesellschaft.
Weltgeist ist auf Speed
Und dann kommt, 2020, wie aus dem Nichts: Corona. Eine globale Krise, von der man zunächst dachte, sie werde alles verändern. Aber sie hat vieles bloss verstärkt: die Digitalisierung, die Erschöpfung, die Einsamkeit.
2022 kommt dann Putin und bricht mit dem Völkerrecht. 2025 kommt Trump zurück und macht es ihm nach. Seither überschlagen sich die Ereignisse. Der Weltgeist ist auf Speed. Und er leidet an Zerstreuung. Wie wir alle.
Aber hey! Es gab auch viele schöne Dinge: Amy Winehouse zum Beispiel. Publikumsliebling Taylor Swift. Barack Obama. Harry Potter. Oder Fidget Spinner. Und natürlich: Sprachnachrichten.